Page - 153 - in Pflegeroboter
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Wege zu verantwortungsvoller Forschung und Entwicklung …
sicher, dass die Pflege auch zukünftig ein „Politikfeld mit stetigem Reformbedarf“ blei-
ben wird (Rothgang et al. 2015, S. 10). Insofern vermag nicht zu erstaunen, dass nicht
nur in Japan, das diesbezüglich als Vorreiter gilt, sondern auch in Deutschland verstärkt
Hoffnungen darin gesetzt werden, mittels innovativer Pflegetechnologien die zunehmend
angespannte Personalsituation in der Pflege abfedern zu können.
So hat etwa das BMBF erklärt, dass innovative Lösungen gebraucht werden, um
„eine bedarfsgerechte und qualitätsvolle Pflege sicherstellen“ zu können. Außer-
dem solle Deutschland als „Leitanbieter“ im Markt der Pflegetechnologien etabliert
werden (BMBF 2015, S. 19). Auch im Koalitionsvertrag von 2013 heißt es, dass „die
Entwicklung von Angeboten altersgerechter Begleitung und technischer Unterstützungs-
systeme“ weiter gefördert werden solle, damit „ältere und pflegebedürftige Menschen
ihren Alltag in der eigenen Wohnung weitgehend selbstbestimmt bewältigen können“
(CDU et al. 2013, S. 84). Im Fokus der deutschen Politik standen diesbezüglich bislang
vornehmlich die sogenannten altersgerechten Assistenzsysteme – also intelligente, ver-
netzte Sensorsysteme (z. B. zur Kommunikation, zur Sturzerkennung oder zum Moni-
toring von Vitalparametern), auch als Ambient Assisted Living (AAL) bezeichnet –,
die seit über zehn Jahren mit verschiedenen Programmen und Maßnahmen strategisch
gefördert werden. In den letzten Jahren ist jedoch zu beobachten, dass im Rahmen des
BMBF-Forschungsprogramms „Technik zum Menschen bringen“ (BMBF 2015) die
Förderaktivitäten zunehmend auf die Pflegerobotik ausgeweitet werden (auch wenn
bislang noch eine klare, übergreifende Entwicklungsstrategie zu fehlen scheint, vgl.
Kehl 2018, S. 187 ff.). Diese Akzentverschiebung liegt nahe, denn im Unterschied zu
AAL-Systemen verfügen Serviceroboter über die Fähigkeit, auch auf physischer Ebene
mit Menschen zu interagieren, womit sich deutlich weitreichendere Unterstützungs-
möglichkeiten eröffnen als durch die rein virtuell agierenden AAL-Systeme.
Problematisch erscheint allerdings, dass die normativen Herausforderungen, die mit
dieser Entwicklung zusammenhängen, auf politischer wie auch gesellschaftlicher Ebene
bislang kaum systematisch diskutiert werden. Zwar häufen sich die Medienberichte, die
über vereinzelte Entwicklungserfolge (gerne mit Blick auf das fortschrittliche Japan) und
mögliche Anwendungsszenarien der Robotik in der Pflege berichten. Das Bild, das dabei
von der Robotik und ihren pflegerischen Anwendungsmöglichkeiten gezeichnet wird,
ist in der Regel jedoch wenig differenziert, teilweise plakativ und meist stark visionär
geprägt. Diskursiver Anknüpfungspunkt ist insbesondere das einflussreiche Leitbild des
„artificial companion“ (das übrigens auch in Entwicklerkreisen stark propagiert wird,
wie die Pressemeldung des Fraunhofer IPA (2015) zur Lancierung von Care-O-bot 4
zeigt; vgl. auch Krings et al. 2012, S. 41 f.). So wird etwa Care-O-bot, ungeachtet sei-
nes prototypischen Entwicklungsstandes, in den Medien gerne als „Universalgenie“ dar-
gestellt, das Getränke servieren, den Tisch decken, Medikamente holen und die Blumen
gießen kann (Ringelsiep und Aufmkolk o. J.). Auf diese Weise werden Erwartungen und
Vorstellungen geweckt, die weit darüber hinausgehen, was derzeit und auch auf wei-
tere Sicht technisch machbar erscheint. Der humanoide Roboter, der Pflegetätigkeiten
direkt am Menschen übernimmt, ist eine ebenso gängige wie wirkmächtige Vision, die
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