Page - 154 - in Pflegeroboter
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154 C. Kehl
in Science-Fiction-Filmen wie „Robot & Frank“ öffentlichkeitswirksam ihren Ausdruck
gefunden hat. Die öffentliche Wahrnehmung der Pflegerobotik knüpft damit zum einen
an die kulturhistorisch äußerst einflussreiche Figur des Maschinenmenschen an, welche
die Entwicklung der Robotik seit jeher geprägt und begleitet hat, sowie zum anderen an
neuere Debatten zur maschinellen Superintelligenz, die in transhumanistisch-technik-
futuristischen Zirkeln ihren Ausgang genommen hat (vgl. dazu vertiefend Kehl und
Coenen 2016, S. 29 ff.).
Eine Folge von all dem ist, dass die öffentliche Diskussion zu den Implikationen
der Pflegerobotik hierzulande in stark polarisierter Form geführt wird: Auf der einen
Seite gibt es verbreitete Befürchtungen, dass sich Pflege in Deutschland in nicht allzu
ferner Zukunft voll automatisiert, also weitgehend maschinell und ohne menschliches
Zutun abspielen könnte (z. B. Stösser 2011). Auf der anderen Seite wird argumentiert,
dass „Robotik dem aufkommenden Pflegenotstand erfolgreich entgegenwirken“ wird
und entsprechende Systeme „in wenigen Jahren […] aus dem Pflegealltag nicht mehr
wegzudenken sein“ werden (z. B. Stiftung Neue Verantwortung 2013). Eine sachliche
Auseinandersetzung zu den Potenzialen und Grenzen der Pflegerobotik ist auf Basis der-
artiger Heils- und Schreckensvisionen schwerlich führbar.
Diese diskursive Gemengelage ist umso kritischer zu sehen, als gleichzeitig, weit-
gehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, bereits politische Weichenstellungen
vorgenommen werden, die einen zukünftigen Einsatz dieser Systeme zumindest wahr-
scheinlicher machen. Dazu gehört die jüngste Neudefinition des Pflegebedürftigkeits-
begriffs (im Rahmen des Pflegestärkungsgesetzes II, gültig seit 1. Januar 2017), die – um
kognitiv und psychisch eingeschränkten Personen besser gerecht werden zu können –
den Selbstständigkeitsgrad zum zentralen Maßstab für Pflegebedürftigkeit macht (statt
dem Hilfebedarf in Minuten). Demnach ist bei der Beurteilung der Selbstständigkeit
auch die „Nutzung von Hilfsmitteln“ zu berücksichtigen (vgl. Medizinischer Dienst
des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen 2017, S. 37), was laut Arne Manzeschke
(2015, S. 266) perspektivisch dazu führen könnte, dass „immer mehr Aktivitäten des täg-
lichen Lebens von Pflegebedürftigen durch technische Assistenz unterstützt werden und so
das Maß an personaler Hilfe verringert wird“. Parallel dazu wird – wie oben beschrieben –
die Forschung und Entwicklung zu innovativen Pflegetechnologien politisch voran-
getrieben. Auch wenn dabei zunehmend auf eine bedarfsorientierte Vorgehensweise
geachtet wird, so lässt sich zumindest für Deutschland sagen, dass die entsprechenden
partizipativen Aktivitäten noch auf die Ebene der Technikentwicklung beschränkt sind –
mit der Konsequenz, dass auf Ebene einzelner Forschungsprogramme zwar das Wie des
Technikeinsatzes reflektiert wird, eine übergreifende gesellschaftliche Erörterung des Ob
aber bislang ausgeblieben ist. Was fehlt, ist ein breiter gesellschaftlicher Austausch über
wünschenswerte Forschungs- und Entwicklungsziele.
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