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Wege zu verantwortungsvoller Forschung und Entwicklung …
8.4 Schluss: Die ambivalente Rolle der Ethik
Es stellt sich die Frage, inwiefern die philosophische Ethik ihrer Orientierungsfunktion
nachzukommen und zu einer Versachlichung und Neuorientierung der öffentlichen
Debatte beizutragen vermag. Immerhin ist die Pflegerobotik inzwischen seit über 10 Jah-
ren Gegenstand intensiver fachethischer Reflexion. Anders als die Nano-Ethik, der es
nach Meinung von Grunwald (2015) im Laufe der 2000er Jahre gelungen ist, auf eine
„Normalisierung“, also realistischere öffentliche Wahrnehmung der Nanotechnologie
hinzuwirken, erweist sich die ethische Debatte zur Pflegerobotik allerdings selber noch
weitgehend spekulativem Denken verhaftet. Dies hat nicht nur mit dem philosophischen
Hang zu Gedankenspielen zu tun, sondern ganz wesentlich auch mit der mangelnden Ver-
breitung marktreifer Systeme und dem folglich noch äußerst unsicheren Folgenwissen
(Abschn. 8.2.1). Fast notgedrungen sieht sich die philosophische Ethik dadurch, es wurde
bereits angesprochen, auf die Diskussion futuristischer Extremszenarien zurückgeworfen,
wobei die umfassende Substitution menschlicher Pflegekräfte durch sozial agierende
„Pflegeroboter“ (im wahren Sinne des Wortes) ein Fixpunkt der ethischen Debatte dar-
stellt. Beispielhaft sei hier auf den fast schon klassisch zu nennenden Text von Sparrow
und Sparrow (2006) mit dem vielsagenden Titel „In the hands of machines“ verwiesen,
in dem die Pflege der Zukunft folgendermaßen ausgemalt wird: „[W]e imagine a future
aged-care facility where robots reign supreme. In this facility people are washed by
robots, fed by robots, monitored by robots, cared for and entertained by robots. Except for
their family or community service workers, those within this facility never need to deal or
talk with a human being who is not also a resident“ (Sparrow und Sparrow 2006, S. 152).
Ähnlich geartete „doom scenarios“ (Coeckelbergh 2016) dienen in ethischen Tex-
ten regelmäßig als normative Hintergrundfolie zur Beurteilung möglicher ethischer
Implikationen der Pflegerobotik (vgl. z. B. Sparrow 2015; Sharkey und Sharkey 2012b;
Borenstein und Pearson 2010) – und zwar ungeachtet dessen, dass zum jetzigen Zeit-
punkt völlig unklar ist, ob und wann sich diese weitreichenden Automatisierungs-
visionen (resp. die dafür erforderlichen komplexen sozialen Roboter) realisieren lassen.
Auf die problematischen Aspekte einer solchen „spekulativen Ethik“ hat Nordmann
(2007) bereits im Kontext nanoethischer Debatten hingewiesen: Es werden Visionen
technischer Zukünfte ausgemalt und in einer quasi-deterministischen Zwangsläufig-
keit entfaltet, deren Relevanz bei genauerem Hinsehen zumindest fragwürdig erscheint.
Reale Herausforderungen, die sich vor allem auf die Gestaltung der technologischen Ent-
wicklung beziehen, geraten dabei aus dem Blickfeld. Damit werden nicht zuletzt auch in
der Öffentlichkeit falsche Erwartungen geweckt und wird ein Bild der Pflegerobotik und
ihrer Leistungsfähigkeit gezeichnet, das nicht der Realität entspricht.
Zweifelsohne ist die philosophische Beschäftigung mit den erwähnten Szenarien nicht
völlig abwegig. So kann sie dabei helfen, begriffliche Grundfragen zu klären und auf nor-
mative Grundprobleme aufmerksam zu machen (Grunwald 2010). Im Sinne angewandter
Ethik jedoch lässt sich daraus kaum konkretes Handlungs- und Orientierungswissen
ableiten, wie es etwa für die Gestaltung neuer oder den Einsatz bestehender Pflegeroboter
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