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156 C. Kehl
benötigt wird. Symptomatisch ist, dass die entworfenen Anwendungsszenarien ein unter-
komplexes Bild der Pflege zeichnen, insofern durch die Fokussierung auf die sozial iso-
lierenden Effekte der Technologie die komplexen soziotechnischen Zusammenhänge
der Pflegeinteraktion systematisch unterbelichtet bleiben. Verschiedene Autoren haben
deshalb von der Ethik gefordert, ihre Analysen zur Pflegerobotik weniger auf abstrakte
Spekulationen zu stützen, sondern stärker am tatsächlichen Gebrauch der Technologien
auszurichten (Nylander et al. 2012) und vor allem die dynamischen Wechselwirkungen
zwischen Technik und sozialen Nutzungskontexten nicht außer Acht zu lassen
(Misselhorn et al. 2013). „Ethics is a journey, and new technologies influence the story“
(Coeckelbergh 2016).
Die Rolle der Ethik im Rahmen antizipativer Governance der Pflegerobotik ist folg-
lich ambivalent: Ohne ethische Orientierung ist die bedarfsorientierte und vor allem ver-
antwortungsvolle Gestaltung der Technologien nicht denkbar, zu beobachten ist jedoch
die paradoxe Konsequenz, dass gerade die professionelle ethische Expertise im Zuge
der aktuellen Ethisierungsbestrebungen an Relevanz und Einfluss verliert. So wird ethi-
sche Reflexion im Rahmen von RRI und verwandten Governanceansätzen einerseits
zunehmend prozedural organisiert und partizipativ an fachfremde Akteure delegiert (pub-
lic upstream engagement). Dem öffentlichen Diskurs kommt unter diesen Umständen
wie gezeigt besondere Bedeutung zu. Gerade diesbezüglich erweist sich die Fachethik
andererseits jedoch nur bedingt hilfreich, insofern sie durch ihre teils spekulative Aus-
richtung wenig dazu beiträgt, die tendenziell verzerrte öffentliche Wahrnehmung der Pfle-
gerobotik geradezurücken und sachliche Debatten anzuregen – eher im Gegenteil.
Schließlich offenbart sich hier ein grundlegendes Dilemma des Rufs nach einer
verantwortungsvollen Technikgestaltung: Je früher interveniert werden soll, desto
unschärfer zeichnen sich die Anwendungsmöglichkeiten, Chancen und Risiken ab, was
sachlichen Debatten den Boden entzieht und visionären Spekulationen aller Art Tür
und Tor öffnet. Diesen Gap zu überwinden, ist jedoch keine ethische, sondern letzt-
lich eine politische Aufgabe. Klar ist: Die konsequente Förderung bedarfsgerechter
Technikentwicklungen allein ist für eine vorausschauende Gestaltung guter Pflege nicht
ausreichend. Was es darüber hinaus braucht, ist eine möglichst breit geführte und ergeb-
nisoffene Auseinandersetzung darüber, was wünschenswerte Entwicklungen sind und
welche Rolle Automatisierungslösungen im Gesamtkontext der Pflege zukommen soll.
Eine solche Debatte findet derzeit weder auf politischer noch auf gesellschaftlicher
Ebene statt, wofür nicht zuletzt eine mangelhafte Informationsbasis und teilweise irre-
führende Technikbilder verantwortlich sind. Zu wünschen wäre deshalb, dass verstärkt
Leuchtturmvorhaben gefördert werden, die sinnvoll erscheinende Pilotapplikationen
frühzeitig in die Praxis überführen (vgl. Kehl 2018, S. 205 ff.). Solche „Leuchttürme“
könnten als geschützte Experimentier- und Lernräume fungieren und Pflegeroboter damit
nicht nur für die Allgemeinheit anschaulich erfahrbar, sondern auch für die Folgen-
forschung – insbesondere praxisorientierte ethische Analysen – zugänglich machen.
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