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162 H. Remmers
Versorgungsbedarfs; 2) ein wachsender, zum einen aus benannten demografischen
Gründen (steigende Anzahl pflegebedürftiger Menschen) sowie aus Gründen erheb-
licher beruflicher Rekrutierungsprobleme nicht mehr zureichend zu deckender Fach-
kräftebedarf; 3) sich verringernder Anteil der durch Angehörige erbrachten häuslichen
Pflege aufgrund wachsender Mobilität des familiären Nachwuchses, insbesondere der
zunehmenden Berufstätigkeit von Frauen. Verschiedenen Berechnungen nach wird von
einer sich bis zu 300.000 bis 500.000 VZÄ steigernden Pflegepersonallücke im Jahr
2030 ausgegangen (Ehrentraut et al. 2015).
Von daher ist es naheliegend, durch technisch autonome Assistenzsysteme die dro-
hende Personallücke wenigstens zu einem Teil zu schließen. Gemäß dieser Logik wurde
im europäischen Raum ein Förderprogramm eingerichtet mit dem Ziel, durch neue
assistive Technologien ein möglichst langes selbstständiges Leben im Alter in einer
selbst gewählten Umgebung auch bei zunehmender Beeinträchtigung zu gewährleisten.
Es sollen funktionelle Verluste bei älteren Menschen in der häuslichen Umgebung aus-
geglichen, Alltagskompetenzen aufrechterhalten, darüber hinaus präventive, aber auch
rehabilitative Maßnahmen effektiver unterstützt werden. Professionelle Akteure sol-
len durch systematischen Austausch medizinisch und pflegerisch relevanter Informa-
tionen engmaschiger in das System der Gesundheitsversorgung eingebunden werden.
Insbesondere Pflegefachkräfte sollen durch technisch autonome Assistenzsysteme im
Umkreis der Robotik physisch und kognitiv entlastet sowie ältere Menschen bei der
Aufrechterhaltung von Selbstständigkeit und der Ausübung elementarer Tätigkeiten
der Selbstversorgung unterstützt werden. Auch wenn die entsprechenden Forschungs-
und Entwicklungsprogramme primär dem Zweck der gesundheitlichen Versorgungs-
sicherheit im Alter durch moderne Technologien dienen sollen, so sind damit zugleich
Förderinteressen jener Hightech-Wirtschaftsbranchen verschränkt, deren Vertreter
in die politische Agenda bspw. der EU an prominenter Stelle einbezogen waren, wäh-
rend Interessensorganisationen älterer Menschen oder verschiedener caring professions
dagegen eher eine marginale Rolle spielten (Mantovani und Turnheim 2016, 246 f.).
Das effektive Funktionieren unterstützender Technologien ist nicht nur von konstruk-
tiven, sondern auch von soziokulturellen Voraussetzungen abhängig. Dazu gehören ins-
besondere gesellschaftliche Altersbilder wie bspw. Vorstellungen über mögliche, in den
letzten Jahrzehnten tatsächlich immer deutlicher sichtbare Potenziale des Alters, ebenso
aber auch Vorstellungen von konkreter, situativ abhängiger Hilfebedürftigkeit. Konst-
ruktiv einzubeziehen sind ebenso differenzierte Erkenntnisse über persönliche Lebens-
welten älterer Menschen, ihr häusliches und nachbarschaftliches Wohnumfeld (Peek
et al. 2014). Forschungsdesiderata bestehen hinsichtlich empirisch gehaltvoller Erkennt-
nisse vorhandener kreativer Bewältigungsstrategien des Alltags einerseits sowie wieder-
kehrender Probleme andererseits (Domínguez-Rué und Nierling 2016). Was erscheint
älteren Menschen in Abhängigkeit von konkreten Lebenslagen als technisch hilfreich?
Welche konstruktiven Anforderungsanalysen an technische Entwickler ergeben sich
daraus (Krings et al. 2014; Simon et al. 2018)? Diese empirischen Aspekte sind nicht
unerheblich im Hinblick auf jene Fragen, mit welchen wir uns im Folgenden befassen
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