Page - 168 - in Pflegeroboter
Image of the Page - 168 -
Text of the Page - 168 -
168 H. Remmers
kaum anschlussfähig zu sein scheint, freilich durch analytisch hoch differenzierte Ver-
fahren erschließbar ist.
Mit der Verwissenschaftlichung und Technisierung des Medizinsystems sowie der
Pflege in einem zweiten großen Modernisierungsschub um die Mitte des 20. Jahrhunderts
setzen sich Trends durch, die ‒ neben dem Erzielen besserer Krankenbehandlungs-
ergebnisse ‒ durch den Einsatz elektronischer Datenverarbeitungssysteme für eine
Rationalisierung klinischer Arbeitsabläufe mit kostenökonomischen Einspareffekten
sorgen. Mit solchen Trends der Formalisierung und Standardisierung prallen aber zwei
inkommensurable Logiken aufeinander: Die eigensinnige, in die soziale Lebenswelt von
Personen verflochtene Logik professioneller Beziehungsarbeit (in Pflege, teilweise auch
in hausärztlicher Medizin) einerseits sowie die in technologische Programme übersetzten
Logiken von Ökonomie und planender Verwaltung andererseits (Glaser et al. 2008; vgl.
ebenso Remmers 2015). Zweifellos kann mit dynamisch gesteigerten Technologieent-
wicklungen eine zunehmende Effektivität bspw. auf instrumenteller Ebene medizinischer
und zumeist nachgeordneter pflegerischer Eingriffe und ein damit verbundener Zuwachs
vitaler Sicherheit erzielt werden. Zu verzeichnen sind allerdings auch Widerstände, die
sich gegen technisch induzierte Entfremdungsphänomene (z. B. Verlust der persönlichen,
körperlich-leiblichen Nähe zum Patienten) und Deprofessionalisierungseffekte richten
(Darbyshire 2004; Remmers und Hülsken-Giesler 2011; Nagel und Remmers 2012).
Für Grunwald (2013) beruht das Ideal von Technik, man könnte auch sagen: ihr
funktionelles Apriori, darauf, in möglichst hohem Maße dem konstruktiven Prinzip
situationsinvarianter Regelhaftigkeit zu genügen. Ein maximaler Grad der Regelhaftig-
keit technischer Verfahren und der dadurch ermöglichten Reproduzierbarkeit identischer
Ergebnisse kann nur durch einen möglichst hohen Grad der Kontextunabhängigkeit
erzielt werden. Die praktische Abstraktion von situativen Besonderheiten ist eine
Voraussetzung regelhaften Funktionierens, die ihrerseits von sozialer Bedeutung ist.
Handlungstheoretisch gewendet, kann nämlich durch technische Schematisierung
von Verfahren bzw. durch Berechenbarkeit maschineller Funktionsabläufe Verläss-
lichkeit gestiftet werden, welche mit Wünschen nach Erwartungssicherheit korreliert.
Sie entlastet soziale Akteure vom Improvisationsaufwand ständig neuer Situations-
definitionen und der Begründung von Handlungsoptionen. Gewiss, durch eine Techni-
fizierung von Handlungskontexten werden, wie Grunwald (2013) betont, immer auch
Freiheit und Individualität bedroht. In diesem Zusammenhang lassen sich auch die
Skepsis und vielfach zu beobachtenden Vorbehalte gegenüber Technik aufseiten der
Pflegekräfte erklären: Sie verdanken sich einer sicheren Intuition, dass dem Prinzip
situationsinvarianter Regelhaftigkeit gehorchende technische Artefakte oder Verfahren
sich in professionelle, das heißt auch gemäß den Prinzipien der Individualisierung und
Kontextualisierung geordnete Handlungszusammenhänge nur bedingt, das heißt unter
Beachtung bestimmter Kautelen, integrieren lassen.
In Bezug auf die hohen körperlichen Belastungen kann der Einsatz arbeits-
erleichternder maschineller Unterstützungstechnologien als segensreich gewertet wer-
den. Es stellt sich darüber hinaus aber die Frage, in welchen Anteilen und Ausmaßen
back to the
book Pflegeroboter"