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174 H. Remmers
Wada et al. 2008; Saito et al. 2003). Diese Effekte sind jedoch zeitlich oft sehr begrenzt
(Baisch et al. 2018). Im Vergleich des Einsatzes von PARO mit dem des humanoiden
Systems NAO und dem eines lebenden Hundes konnten durch PARO und NAO positive
Einflüsse auf apathisches Verhalten von Probanden erzielt werden, wobei die kognitive
Leistungsfähigkeit der Probanden aus dem NAO-Experiment signifikant absank (Valenti
Soler et al. 2015).
Geht man davon aus, dass demenziell Erkrankte auf elementare Formen emotiona-
ler, leiblicher Zuwendung angewiesen sind, so erheben sich prinzipielle ethische Ein-
wände hinsichtlich der artifiziellen Substitution auf struktureller Ebene. Bei PARO wird
leibliche Präsenz nur mehr vorgetäuscht, sie bleibt auf reaktive Oberflächenphänomene
beschränkt. Analogien mit dem Gebrauch von Stofftieren bei Kindern sind psycho-
logisch deswegen völlig abwegig, weil sie für die kognitiv-emotionale Entwicklung
des Kindes wichtige „transitional objects“ (Winnicott 1953) darstellen mit einer spezi-
fischen Intentionalität (als erste fantasiereiche Akte der Kreativität). Der künstlichen,
persönlich indifferenten Erzeugung sozial erwünschter Gefühlszustände wohnt inso-
fern ein Täuschungscharakter inne, der als eine Entwürdigung bewertet werden kann.
Damit ergeben sich ethische Fragen von Wahrheit und Wahrhaftigkeit, die mit dem Hin-
weis darauf, dass Hilfeempfänger und helfende Person in zwei verschiedenen Welten
des Bewusstseins leben, nicht entkräftet werden können (Hertogh et al. 2004; vgl. auch
Remmers 2016). Stattdessen sollte bedacht werden, dass Pflegefachkräfte in ihrer Unter-
stützung und Hilfe bei Menschen mit kognitiven Einbußen mit moralischen Dilemmata
konfrontiert sein können. Es empfiehlt sich deshalb, den Einsatz autonomer Assistenz-
technologien wie in diesem Falle der PARO-Robbe möglichst zu begrenzen. Dies
umso mehr, als ein zeitlicher Entlastungseffekt für Pflegefachkräfte kaum zu erkennen
ist (Baisch et al. 2018). Nicht von der Hand zu weisen sind Gefahren, dass Roboter ein
menschlich fürsorgliches Umfeld in beträchtlichem Umfang ersetzen.
9.4 Fazit
Die gegenwärtige Diskussion zeigt, dass ethische Bewertungen autonomer Assistenz-
systeme in der Pflege abhängig sind von den jeweils eingenommenen Beurteilungs-
perspektiven. Auch wenn normative Ansprüche im Wesentlichen die Respektierung
personaler Selbstbestimmung sowie individuell artikulierten Wohlbefindens verlangen,
so zeigt die Anwendung dieser Prinzipien, dass vor allem bei inkongruenten Perspekti-
ven widersprüchliche Deutungen einer als entscheidungsbedürftig empfundenen Situation
in den Vordergrund treten. Der Umgang mit dabei auftretenden Ambivalenzen ist ohne-
hin ein Charakteristikum pflegerischen (wie auch ärztlichen) Handelns in Ungewissheit.
Genau dieser Tatbestand verlangt ein hohes Maß ethischer Sensibilität bei der Beurteilung
technischer Systeme, denen der Anspruch der Erleichterung pflegerischen Handelns
bzw. der Verbesserung der Lebensqualität pflegebedürftiger Menschen quasi funktio-
nal eingeschrieben ist. Fragen, was der Einsatz robotischer Systeme „mit Menschen
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