Page - 220 - in Pflegeroboter
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220 J. Kreis
direkte Kontaktmöglichkeit zwischen betreuungsbedürftigen Personen und Pflegefach-
kräften unterbunden. Wird der Kontaktverlust nicht kompensiert, ergibt sich ein signi-
fikantes Isolationsproblem. Der Einsatz von Robotern wie Zora weist jedoch neben der
Unterbindung direkten menschlichen Kontakts noch eine weitere ethische Hürde auf:
Während die demenziell erkrankte Greta am Tisch sitzt, erkundigt sich die Pflegekraft
vom Nebenraum aus mittels Zora nach dem Wohlbefinden der hochbetagten Bewohnerin
des Wohnpflegezentrums. Dabei zieht sich die Pflegekraft physisch aus der Unter-
haltung zurück und stellt ihre Fragen über den sympathischen humanoiden Roboter, der
zum Adressaten von Gretas Äußerungen wird. Dass die Unterhaltung ferngesteuert ist,
erkennt Greta nicht. Sie gibt Auskunft darüber, ob sie ihre Tabletten regelmäßig schluckt
oder genügend Flüssigkeit aufnimmt. Wie erste Erfahrungen zeigen, wird mit der ver-
meintlichen Absenz der Pflegefachperson aber auch eine Gelegenheit geschaffen, in der
Betreuungsbedürftige persönliche Geschichten und Zuständen schildern, die sie den
Pflegekräften im direkten Austausch möglicherweise nicht anvertraut hätten (Bellinger
und Göring 2017, S. 81). Es ist unwahrscheinlich, dass Roboter dazu eingesetzt würden,
den Pflegekräften vorenthaltene Informationen zu erschleichen. Werden die an Roboter
gerichteten Äußerungen an Pflegefachkräfte übermittelt, ergibt sich jedoch ein Problem
verdeckter Adressaten.
Mit dem Gedankenexperiment „Experience Machine“ entwirft Robert Nozick ein
gedankliches Konstrukt, welches darlegt, dass Menschen nicht getäuscht werden wol-
len. Selbst dann nicht, wenn die vorgetäuschte Welt die Realität erlebnisqualitativ über-
träfe (Nozick 1974, S. 42–43). Angenommen, es bestünde die Möglichkeit, sich einer
Erlebensmaschine anzuschließen, welche es erlaubt, in einer virtuellen Realität ein
glückliches Leben zu führen und dabei nur gewünschte Erfahrungen zu machen. Gemäß
Nozick wären nur die Wenigsten dazu bereit, ihr aktuelles Leben mit einer Existenz in
der Erfahrungsmaschine auszutauschen. Ableitend definiert Nozick unter anderem den
Kontakt zur Wirklichkeit als zentrales menschliches Anliegen. Mit dem Einsatz eines
Roboters wie Zora erfolgt jedoch eine technische Verschleierung der eigentlichen Adres-
saten von Gretas Äußerungen. Während Greta überzeugt ist, mit Zora zu plaudern,
unterhält sie sich eigentlich mit der latent agierenden Pflegefachkraft und wird somit
hinsichtlich Gesprächspartner und Empfänger ihrer Aussagen getäuscht. Überträgt man
Nozicks Gedankenexperiment auf die Robotik, ist die Täuschung Gretas auch dann nicht
haltbar, wenn sich diese bei der Unterhaltung mit Zora bestens amüsiert.
Die unter Bezugnahme von Nozicks Erlebnismaschine dargelegte Argumentation
folgt im Wesentlichen Robert und Linda Sparrows Aussagen zur Pflegerobotik: „Soweit
Roboter die Menschen nur dann glücklicher machen können, wenn sie über die wahre
Natur des Roboters getäuscht werden, bieten Roboter keine wirklichen Verbesserungen
für das Wohlbefinden der Menschen“, so Sparrow/Sparrow aus dem Englischen.
„Tatsächlich kann man sagen, dass der Einsatz von Robotern ihnen schaden kann. Der
Wunsch, Roboter in Pflegerollen zu platzieren, ist daher töricht, schlimmer noch, es ist
eigentlich unmoralisch“ (2006, S. 155).
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