Page - 225 - in Pflegeroboter
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Umsorgen, überwachen, unterhalten …
anderer angewiesen. Von welcher Qualität diese Hilfeleistung ist, steht im Zusammen-
hang mit dem vorherrschenden Verhältnis zwischen Pflegekraft und pflegebedürftiger
Person. Dabei handelt es sich um eine Beziehung, die auch in Verzicht auf den Roboter-
einsatz scheitern oder unter Einbezug eines Roboters gelingen kann. Ein sinnvoller Ein-
satz von Robotern kann geradezu verhindern statt fördern, dass sich Menschen Objekten
gleichgesetzt fühlen. Führt eine auf Pflege angewiesene Person dank dem steuerbaren
Roboter die eigene Körperpflege zum gewünschten Zeitpunkt selbstständig durch,
erweitert der Einsatz des Systems deren Autonomie erheblich. Dadurch dürfte auch die
Gefahr, dass Pflegebedürftige sich als Objekt fühlen, verringert werden. Zudem kann
die der Würde inhärente Achtung der Intimsphäre zumindest bei agileren Patienten dank
des Roboters gewährleistet und ein gegebenenfalls auftretendes Schamgefühl umgangen
werden. Erste Untersuchungen deuten darauf hin, dass insbesondere bei Waschungen im
Intimbereich Scham verringert werden kann. Auch beim Bewegtwerden und bei Routine-
aktivitäten bevorzugen manche Patienten Roboter gegenüber Menschen, um auf diese
Weise ihre moralischen, sittlichen und sozialen Werte wie Autonomie, Intimität, Sicher-
heit oder Vertrauen zu schützen (Bendel 2015, S. 29).
Je mehr Aufgaben Robotern zukommen, desto mehr Eigenständigkeit erlangen sie.
Es ist daher einzuräumen, dass ein Autonomiegewinn der Maschine auch einen Auto-
nomieverlust auf Seite der Pflegebedürftigen bedeuten kann. Reicht der Roboter einer
Person frische Hemden aus dem Schrank, wird Selbstständigkeit erlangt, da keine
zusätzliche menschliche Unterstützung angefordert werden muss. Mit dem Ergreifen
eines beliebigen Hemds trifft der Roboter jedoch stellvertretend für die physisch ein-
geschränkte Person eine Wahl und verhindert so eine autonome Entscheidung des Men-
schen. Dennoch verhilft der Roboter dadurch, dass er überhaupt in der Lage ist, Hemden
zu reichen, zu erhöhter Eigenständigkeit. Können Menschen selbstzentrierte Aufgaben
dank intelligenter künstlicher Systeme selbstständig angehen, erlangen sie Fähigkeiten,
welche entgegen der vorgebrachten Kritik verhindern statt begünstigen, dass sich die
Betroffenen Sachgegenständen gleichgesetzt fühlen.
12.9 Fazit
Nicht alles, was technisch machbar ist, ist ethisch unbedenklich. Ein in Spitälern und
Heimen tauglicher Roboter muss daher neben technischen und klinischen Ansprüchen
auch hohen ethischen Anforderungen genügen. Bevor Pflegeroboter in Pflegezentren
implementiert werden können, gilt es, moralische Fragen aus den Bereichen Daten-
schutz, Privatsphäre und Verantwortung zu ermitteln und weitgehend zu beantworten.
Auch ethisch relevante Aspekte wie die dargelegten Überlegungen zu Kontaktver-
lust, Täuschung und Würde sind zu behandeln, um die ethische Vertretbarkeit von
Pflegerobotern zu gewährleisten. Roboter verfügen über großes Potenzial. Um das
Leistungsvermögen der Robotik unbedenklich auszuschöpfen, sind jedoch Richtlinien
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