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240 H. Becker
13.4.2 Professionelle Nutzerinnen und Nutzer
Professionelle Nutzerinnen und Nutzer äußern ebenfalls sehr stark die Befürchtung, dass
zwischenmenschliche Kontakte verloren gehen könnten. Diese Sorge wird vor allem
von Pflegepersonal artikuliert. Pflegehandlungen sind komplexe Situationen, in denen
situationsbezogen und individuell auf den Patienten eingegangen werden muss. Eine
Fachperson benötigt neben der Ausbildung, in der sie Regeln und Prinzipien lernt, einige
Jahre an praktischer Erfahrung, um zu wissen, wann und wie sie diese Regeln abwandeln
oder gar ignorieren muss. Als erfahrene Kraft ist sie dazu in der Lage, auch komplexe
Situationen schnell zu erfassen und Entscheidungen zu treffen. Es ist schwer vorstellbar,
dass ein auf Algorithmen basierendes System diese Flexibilität angemessen lernen kann.
Ferner spielt die persönliche Beziehung in Pflegehandlungen eine wesentliche Rolle.
Die Versorgung geht über die rein praktische Handlung hinaus, sie hilft dem Patienten
oder der Patientin und ihren Familien, mit Erkrankungen und Behinderung umzugehen
und emotional herausfordernde Situationen zu überstehen (z. B. Schmerzen, Kontroll-
verlust etc.). Auf ärztliche oder therapeutische Handlungen treffen die hier geschilderten
Argumente ebenfalls zu. Allerdings sind diese Kontakte in der Regel seltener und zeit-
lich begrenzter als eine kontinuierliche Pflege und Betreuung. Eine Veränderung der
psychosozialen Komponente der Arbeit wird von allen Gesundheitsberufen befürchtet.
Telepräsenz oder Telemedizin wird oft als weniger attraktive Arbeit angesehen, da der
direkte Kontakt zu Menschen reduziert ist.
Ein Qualitätsverlust wird befürchtet, wenn Roboter fürsorgliche Versorgungs-
leistungen wie Körperpflege, Essen reichen etc. übernehmen. Es wird aber anerkannt,
dass die Fehlerquote bei Routinearbeiten, die hohe Konzentration erfordern, wie z. B.
das Vorbereiten von Medikamenten oder Dokumentation, durch Roboter reduziert wer-
den könnte.
Kontrovers diskutiert wird der Umgang mit ethischen Fragestellungen. Das systema-
tische Review von Vandemeulebroucke et al. (2017) gibt einen guten Überblick über die
Debatte.
Wird Robotik als Assistenz ergänzend zum Gesundheitspersonal eingesetzt, geht
damit eine Veränderung von Arbeitsabläufen einher (Hielscher et al. 2015). Es werden
deshalb Befürchtungen geäußert, dass die Abläufe gestört werden, durch die Logik der
Geräte eine Fremdbestimmung entsteht und zusätzliche Belastungen damit einhergehen
könnten.
Veränderungen des Berufsbildes und des Selbstverständnisses der Berufe könnten die
Folge einer zunehmenden Technisierung sein. Das erfordert Anpassungen in der Aus-
und Weiterbildung. Da die Attraktivität der Berufe aktuell relativ gering ist und bereits
Fachkräftemangel besteht, wird dieser Aspekt in zwei Richtungen diskutiert. Einerseits
wäre es möglich, dass die Attraktivität der Berufe verbessert wird, da Technik zu Ent-
lastung führt und das Berufsimage aufgewertet werden könnte (Hielscher et al. 2015).
Andererseits könnte es zur Entfremdung von Patientinnen und Patienten kommen und
dies die Attraktivität verringern.
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