Page - 250 - in Pflegeroboter
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250 N. Döring
14.1 Einleitung
Unter Gesundheits- und Pflegerobotern (health care robots, care robots) verstehen wir
jene Service- und Assistenzroboter, die der Gesundheits- und Pflegeunterstützung dienen
(zur Klassifikation unterschiedlicher Roboterarten siehe Siciliano und Kathib 2016). Die
Forschung und Entwicklung im Bereich der Pflegeroboter verläuft in zwei Richtungen:
• Zum einen werden Pflegeroboter zur Unterstützung des Pflegepersonals in stationä-
ren Einrichtungen entwickelt (z. B. Heberoboter RIBA II von Riken). Hier geht es
darum, die Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte zu verbessern, sie idealerweise von
körperlich anstrengenden Routineaufgaben zu entlasten (z. B. Hilfe beim Heben und
Umbetten von Bewohner_innen, beim Transport von Wäsche und Mahlzeiten) und
ihnen damit mehr Freiräume für menschliche Zuwendung zu eröffnen (BGW 2017).
• Zum anderen werden aber auch Gesundheits- und Pflegeroboter entwickelt, die das
selbstständige Leben von Menschen mit Pflege- und Assistenzbedarf im häuslichen
Umfeld unterstützen (z. B. Care-O-bot vom Fraunhofer-Institut für Produktions-
technik und Automatisierung; Twendy-One von der Waseda University). Diese
persönlichen Assistenzroboter sollen typischerweise bestimmte Aufgaben im Haus-
halt übernehmen, Sicherheitsfunktionen bieten, die Mobilität erleichtern sowie der
sozialen, geistigen und körperlichen Aktivierung und Gesundheitspflege dienen (z. B.
Hilfe beim Toilettengang, Anleitung von Reha-Gymnastik, Erinnerung an regelmäßi-
ges Trinken, Überwachung der Medikamenteneinnahme). Oberstes Ziel ist es dabei,
Menschen mit Pflege- und Assistenzbedarf mehr Selbstständigkeit zu ermöglichen
und ihre Lebensqualität einschließlich Gesundheit und Wohlbefinden zu steigern oder
zumindest zu erhalten (Döring et al. 2015; Vandemeulebroucke et al. 2017).
Ob und wie diese hochgesteckten Ziele in der Praxis tatsächlich erreicht werden kön-
nen, inwiefern Pflegeroboter von Menschen mit Pflegebedarf, von Pflegenden, Pflegeein-
richtungen sowie deren Trägern akzeptiert werden und welche Gefahren Pflegeroboter
mit sich bringen – all dies ist seit rund zehn Jahren Gegenstand empirischer Forschung
und kontroverser ethischer Debatten.
Interessanterweise wurden im Kontext der Entwicklung von Gesundheits- und Pflege-
robotern Fragen des sexuellen Wohlbefindens und der sexuellen Assistenz bislang noch
nicht vertieft behandelt (Bendel 2015). Dabei gibt es mindestens zwei gute Gründe, um
der Frage nachzugehen, ob Pflegeroboter nicht auch sexuelle Assistenzfunktionen über-
nehmen sollten:
1. In Forschung und Praxis wird in den letzten Jahren immer weniger ignoriert, dass
Menschen mit Pflege- und Assistenzbedarf (also z. B. ältere Menschen mit wachsen-
den gesundheitlichen Einschränkungen, aber auch jüngere Menschen mit unterschied-
lichen körperlichen, seelischen und geistigen Behinderungen) durchaus sexuelle
Bedürfnisse haben und artikulieren, diese jedoch aus verschiedenen Gründen bislang
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