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258 N. Döring
sich somit von Prostitution als kommerziellem Sex ab und betont stärker die Fürsorge
für beeinträchtigte Einzelpersonen sowie die Unterstützung für beeinträchtigte Paare.
Dienstleistende kommen oft aus den Bereichen Pflege, Sozialpädagogik und Tantra und
müssen in Pflegeeinrichtungen Externe sein, denn aus ethischen und rechtlichen Grün-
den darf kein Abhängigkeitsverhältnis vorliegen. Trotzdem besteht bei aktiver Sexual-
assistenz ein erhöhtes Risiko sexueller Viktimisierung der pflegebedürftigen Personen.
Das gilt insbesondere für Frauen mit Behinderung oder Beeinträchtigungen.
Für aktive Sexualassistenz werden Stundensätze von 100 bis 150 EUR abgerufen,
was über den Preisen für herkömmliche sexuelle Dienstleistungen liegt. Hinzu kommen
oft noch die Kosten für lange Anfahrtswege. Das Angebot an aktiver Sexualassistenz ist
in Deutschland und auch europaweit bislang noch sehr begrenzt und in vielen Regionen
gar nicht vor Ort verfügbar (pro familia 2005). In Tab. 14.1 findet sich eine Auswahl an
Angeboten der aktiven Sexualassistenz, wobei die Selbstbeschreibungen der Sexual-
begleiter_innen auf ihren jeweiligen Internetpräsenzen das fachliche Selbstverständnis ver-
deutlichen (siehe ergänzend YouTube-Videos mit Edith Arnold, Stephanie Klee oder Milka
Reich). Die Angebote zielen meist auf Menschen mit Behinderungen und altersbedingten
Beeinträchtigungen, zum Teil auch auf schüchterne und liebesunerfahrene Personen.
14.4.3 Sexarbeit
Nicht zuletzt aufgrund der hohen Kosten für Sexualbegleitung und des sehr begrenzten
Angebots wird für Menschen mit Pflegebedarf auch herkömmliche Sexarbeit als Alter-
native zu den für sie oft schwer anzubahnenden privaten Sexualbeziehungen genutzt. Die
Erotikbranche stellt sich auf die wachsende Zahl von älteren Menschen und Menschen
mit Pflegebedarf ein: Zunehmend mehr Bordelle werben mit Barrierefreiheit, zunehmend
mehr Sexarbeiter_innen spezialisieren sich auf diese Klientel. Auch wird vonseiten der
Menschen mit Beeinträchtigungen teilweise ausdrücklich herkömmliche Sexarbeit
der Sexualbegleitung vorgezogen, da neben Massagen eben auch Geschlechtsverkehr
gewünscht wird. Ein Medienbericht begleitete den Inklusionsaktivisten Klaus Birn-
stiehl beim Bordellbesuch, den er der aktiven Sexualassistenz vorzieht, und zitiert ihn
mit der Aussage „Ich will nicht nur kuscheln“ (Mattner 2015). In seinem Inklusionsblog
beschreibt der Rollstuhlfahrer „Rolliman“ seine positiven Erfahrungen im Rotlichtmilieu
(www.rollimans-erfahrungen.de). Hauptsächlich nachgefragt werden sexuelle Körper-
kontaktdienstleistungen in Form herkömmlicher Sexarbeit oder Sexualbegleitung bislang
von heterosexuellen Männern mit Behinderung oder altersbedingten Beeinträchtigungen,
wobei die Kosten in der Regel selbst getragen werden müssen und nicht von Kranken-
kassen oder Sozialversicherungen übernommen werden (pro familia 2005).
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