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Sollten Pflegeroboter auch sexuelle Assistenzfunktionen bieten?
reduzieren, bei der Tagesstrukturierung helfen, beim Einschlafen beruhigend und tröstend
wirken und auch sexuell befriedigen können (Döring 2017b; Döring und Pöschl 2018).
Liebespuppen haben bislang noch ein negatives Image, könnten aber in Zukunft stärker
normalisiert werden. Wenn wir akzeptieren, dass der Umgang mit einem Robotertier
(wie etwa der Roboterrobbe Paro: www.parorobots.com) emotional hilfreich auf pflege-
bedürftige Menschen wirkt und dort sinnvoll ist, wo keine realen Haustiere gehalten wer-
den können, warum soll dann nicht eine sexuelle Assistenzpuppe dort genutzt werden,
wo aktive Sexualassistenz mangels Angebot oder Finanzierungsmöglichkeiten nicht zur
Verfügung steht? Erste Sexpuppenbordelle existieren in Deutschland bereits (z. B. www.
bordoll.de in Dortmund).
Es bestehen große ethische und psychologische Bedenken, die emotionale Bindung
pflegebedürftiger Menschen an Robotertiere oder Robotermenschen zu fördern – sei es,
weil Pflegebedürftige den Artefaktcharakter der Roboter vielleicht nicht richtig verstehen
und/oder weil der soziale Kontakt zu tierischen oder menschlichen Lebewesen eben im
Sinne von Humanität und Wohlbefinden nicht durch parasoziale Kontakte zu robotischen
Pseudolebewesen verdrängt werden soll. Doch von Verdrängung kann im Falle von Lie-
bes- und Sexualpartner_innen oft keine Rede sein, da sehr viele Menschen mit Pflege-
bedarf solche Kontakte eben über Jahre hinweg gar nicht haben und auch kaum aufbauen
können. Erklärungsbedürftig ist auch, warum wir Erwachsenen den tröstlichen Umgang
mit einer Liebespuppe oder einem Liebesroboter nicht zutrauen und zugestehen wollen,
während es kulturell weithin akzeptiert ist, dass Kinder ihre Puppen lieben, mit ihnen
kuscheln, sprechen, einschlafen und sie als Gefährten behandeln (Döring 2017b).
14.5.2 Pflegeroboter mit sexuellen Assistenzfunktionen
Anstelle eines zusätzlichen Liebes- oder Sexroboters ist auch zu überlegen, ob und
wie man einen Pflegeroboter um sexuelle Assistenzfunktionen ergänzen kann. Bei
Bewegungseinschränkungen (z. B. nach einem Schlaganfall) kann ein Pflegeroboter wie
der Care-O-bot oder der Twendy-One mit einem Roboterarm etwa auch dazu genutzt
werden, ein Sexspielzeug anzureichen, zu positionieren und zu halten. Mit solchen
robotischen Handgriffen wäre die Person mit Pflegebedarf unabhängiger im Ausleben
ihrer Solosexualität und müsste nicht Angehörige oder Pflegepersonal um Hilfe bei die-
ser intimen Angelegenheit bitten. Der Pflegeroboter könnte auch diskret die Reinigung
des Sexspielzeugs übernehmen, eine wichtige Aufgabe, für die sich im Pflegealltag bis-
lang kaum jemand zuständig fühlt.
Bei der Konzeption von Pflegerobotern sexuelle Assistenzfunktionen von Anfang an
mitzudenken und zusammen mit den Zielgruppen zu entwickeln, erfordert eine Orien-
tierung aller Beteiligten an den Paradigmen der sexuellen Gesundheit und der sexuellen
Menschenrechte. Andernfalls wird das Thema Sexualität stigmatisiert und marginalisiert
bleiben.
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