Page - 121 - in Rausch der Verwandlung
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beinahe leidenschaftlich die Männer, diese erlesenen, in Luxus polierten oder
von Intelligenz überleuchteten Gesichter, und die Finger zittern ihr nervös; sie
legt die Hefte weg und nimmt sie immer wieder vor, Neugierde und Haß, Lust
und Neid vermengen sich wechselvoll im Anblick dieser Welt, der sie sich
gleichzeitig entfernt und verbunden fühlt.
Ein Aufschrecken ist es dann immer, wenn in den Kreis der verführerischen
Bilder dann plötzlich grob mit schweren Schuhen, die Pfeife eingeklemmt in
den Mund, mit verschlafenen Kuhaugen ein Bauer tritt und vor dem Pult ein
paar Briefmarken verlangt, und ganz unwillkürlich geschieht es ihr, daß sie
ihn anfährt mit irgendeinem groben Wort. »Können Sie nicht lesen, daß man
hier nicht rauchen darf?« schleudert sie ihm grob in das gutmütig verdutzte
Gesicht, oder sonst eine Unfreundlichkeit. Es geschieht, ohne daß sie es weiß,
es ist wie ein Zwang, sich zu rächen an diesem einzelnen für die Häßlichkeit
und Niedrigkeit der Welt. Nachher schämt sie sich. Sie können ja nichts dafür,
die armen Kerle, daß sie so häßlich sind, so ungehobelt, so verschmutzt von
ihrer Arbeit, so ertrunken in ihrem Dorfschlamm, denkt sie, ich bin ja nicht
anders, bin ja selber so. Aber so dicht ist ihr Zorn mit Verzweiflung gepaart,
daß er wider ihren Willen bei jedem Anlaß herausfährt. Nach dem ewigen
Gesetz von der Fortwirkung der Kraft muß sie den Druck irgendwie
weitergeben, und nur von diesem einzigen Punkt Macht, von dem kleinen
erbärmlichen Amtspult her, kann sie ihn gegen Unschuldige entladen. Dort
oben in der andern Welt hat sie ihr Dasein bestätigt empfunden mit einem
Umworben- und Begehrtsein, hier vermag sie sich nicht bemerkbar zu
machen, wenn sie nicht böse ist, wenn sie nicht dieses winzige Teil Macht,
das ihr als Beamtin anheimgegeben ist, spielen läßt. Es ist arm, es ist
kläglich, es ist niedrig, sie weiß es, gegen diese ahnungslosen braven
Menschen sich aufzuspielen, aber immer wird durch das Böse eine Sekunde
etwas von ihrem Zorn frei. Ganz tief gestaut steckt in ihr dieser Zorn, und
wenn sie keine Gelegenheit bei Menschen hat, ihn zu entladen, so fährt er
gegen die stummen Dinge. Ein Zwirnsfaden läßt sich nicht einfädeln: sie
zerreißt ihn, eine Lade geht nicht gleich zu – sie schmettert sie mit voller
Kraft in den Kasten hinein, die Postdirektion hat ihr falsche Konsignationen
gesandt – sie schreibt statt einem höflichen einen empört herausfordernden
Brief. Am Telefon funktioniert eine Verbindung nicht gleich – sie droht der
Kollegin mit sofortiger Beschwerde; es ist kläglich, sie weiß es und
beobachtet selbst mit Entsetzen ihre Veränderung. Aber sie kann nicht anders,
sie muß ihren Haß irgendwie heraus in die Welt stoßen, sonst erstickt sie
daran.
Ist das Amt zu Ende, so flüchtet sie in ihr Zimmer. Früher ist sie öfter eine
halbe Stunde spazierengegangen, wenn die Mutter schlief, oder sie hat mit der
Krämerin geplaudert oder mit den Kindern der Nachbarin gespielt, jetzt
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik