Page - 123 - in Rausch der Verwandlung
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rasch, fester, fester, und bis in die Eingeweide hinein spürt sie den Stoß des
endlich ansausenden Motors, und nun die reine strömende Lust, wie es
flachen Flugs über die Felder saust, in den dunklen Wald hinein, und sie ist
nicht mehr nackt, aber er preßt sie an sich, eng und enger, daß sie stöhnt und
zu vergehen meint. Dann wacht sie auf, geschwächt, todmüde, mit
schmerzenden Gliedern und sieht die Mansarde, die geräucherten,
wurmzerfressenen, schrägen Balken mit den Spinnweben über dem Dach und
bleibt liegen, müde, leer, bis dann der Wecker klirrt, der unerbittliche Herold
des Atems, und sie aufsteht aus dem verhaßten alten Bett in ihre verhaßten
alten Kleider, in den verhaßten Tag hinein.
Vier Wochen erträgt Christine diesen grausamen, krankhaft überreizten
Zustand dieser gewaltsamen und bösartigen Einsamkeit. Dann kann sie nicht
mehr, der Traumstoff ist aufgezehrt, jede Sekunde der erlebten Zeit wieder
erinnert, das Vergangene gibt keine Kraft. Müde, ausgeschöpft, mit einem
ständigen Schmerz zwischen den Schläfen geht sie an die Arbeit und tut sie
dösend und halbbewußt. Am Abend versagt sich ihr der Schlaf, unruhig sind
ihre Nerven in dieser Ruhe des viereckigen Mansardensarges, so heiß der
eigene Körper in dem kalten Bett. Sie kann es nicht mehr ertragen.
Unerträglich wird das Verlangen, einmal von einem andern Fenster ein
anderes Bild zu sehen als das widrige Wirtshausschild vom ›Goldenen
Ochsen‹, in einem andern Bett zu schlafen, etwas anderes zu erleben, ein paar
Stunden eine andere zu sein. Plötzlich kommt es über sie: sie holt aus der
Schublade die zwei Hundertfrankenscheine, die ihr vom Spielgewinst des
Onkels noch geblieben, sie nimmt ihr bestes Kleid, ihre besten Schuhe und
läuft Samstag gleich nach dem Dienst hin auf den Bahnhof und nimmt eine
Karte nach Wien.
Sie weiß nicht, warum sie in die Stadt fährt, sie weiß nicht deutlich, was sie
will. Nur fort sein, fort aus dem Dorf, aus dem Dienst, fort aus sich selbst, aus
dem Menschen, der sie verurteilt ist, hier zu sein. Nur Räder wieder einmal
unter sich rollen fühlen, nur einmal Lichter sehen, andere, hellere,
geschmücktere Menschen. Nur wieder einmal fremd dem Zufall gegenüber
sein, nicht hier eingestampft wie ein einzelner Stein im Pflaster. Nur einmal
wieder sich bewegen, Welt spüren und sich selbst, eine andere, nicht dieselbe
sein.
Es ist sieben Uhr abends, wie sie in Wien ankommt, rasch hinterlegt sie den
Koffer in einem kleinen Hotel in der Mariahilfer Straße und dringt rasch, ehe
er die Rollläden herabläßt, bei einem Friseur ein. Es ist ein
Wiederholungszwang, der sie treibt, das gleiche zu tun wie damals, um eine
andere zu sein, eine wahnwitzig wilde Hoffnung, durch ein paar flinke Hände,
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik