Page - 124 - in Rausch der Verwandlung
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etwas Rot noch einmal die andere zu werden, die sie war. Wieder fühlt sie
warme Wellen sich überrieseln und flinke Hände ihr Haar umschmeicheln, ein
geschickter Stift zeichnet ihr neu die frühere, die so begehrte und geküßte
Lippe in das blasse ermüdete Gesicht, etwas Farbe frischt ihr die Wangen, ein
dunkler Puder zaubert Erinnerung an das Sonnenbraun des Engadins. Wie sie
aufsteht, in eine Wolke von Duft gehüllt, spürt sie schon wieder in den Knien
die alte Kraft. Aufrechter, selbstbewußter geht sie jetzt die Straße hinab. Und
wäre sie ihres Kleides sicher, so meinte sie, vielleicht schon Fräulein von
Boolen zu sein. Der Septemberabend gibt noch ein spätes Licht, es ist gut zu
gehen, jetzt in der Abendkühle und mit einer gewissen Erregung spürt sie, daß
ab und zu ein freundlicher Blick sie streift. Ich lebe noch, atmet sie, ich bin
noch da. Manchmal bleibt sie vor einer Auslage stehen, sieht die Pelze an, die
Kleider, die Schuhe, und ihre Blicke brennen im Spiegelglas. Vielleicht doch
noch einmal, denkt sie: sie hat wieder Mut. Sie geht die Mariahilfer Straße
entlang über den Ring, ihr Auge wird immer heller an den Menschen, die
plaudernd und sorglos und manche mit wirklicher Anmut hier
spazierengehen. Es sind die gleichen, denkt sie, und nur durch einen schmalen
Luftraum ist man von ihnen getrennt. Irgendwo ist eine unsichtbare Treppe,
die muß man empor, nur einen Schritt, nur einen einzigen Schritt. Bei der
Oper bleibt sie stehen, anscheinend muß gleich die Vorstellung beginnen,
denn Autos fahren vor, blaue, grüne, schwarze, mit spiegelnden Gläsern und
leuchtendem Lack, von einem livrierten Diener am Eingang empfangen.
Christine tritt ein in den Vorraum, um die Gäste zu sehen. Sonderbar, denkt
sie, da schreiben sie in den Zeitungen von der Wiener Kultur, der
kunstsinnigen Bevölkerung und der Oper, die sie geschaffen, und ich,
achtundzwanzig Jahre bin ich alt, mein ganzes Leben habe ich hier verbracht,
und jetzt stehe ich zum erstenmal hier und auch hier nur außen, auch hier nur
im Vorraum. Von den zwei Millionen sehen nur hunderttausend dieses Haus,
die andern lesen davon in den Zeitungen und lassen sich erzählen und sehen
die Bilder, und nie dürfen sie wirklich hinein. Und wer sind diese andern? Sie
sieht die Frauen an und ist beunruhigt und empört zugleich. Nein, sie sind
nicht schöner als ich selbst damals gewesen, sie gehen nicht leichter und
freier als ich damals, nur das Kleid haben sie und das Unsichtbare der
Sicherheit. Nur einen Schritt hinauf, einen einzigen Schritt mit ihnen hinein,
die marmorne Treppe hinauf in die Loge, in das Goldgehäuse der Musik, in
die Sphäre der Sorglosen und des Genießens.
Die Signalglocke schwirrt, die Letztangekommenen eilen, den Mantel im
Laufe ausziehend, rasch den Garderoben zu, der Raum wird wieder leer. Jetzt
beginnt es drinnen, es ist aus, und in dem schmalen Raum dazwischen steigt
sie wieder auf, die unsichtbare Wand. Christine geht weiter. Die Laternen
lassen ihre weißen Monde über der Ringstraße schweben, der Korso ist noch
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik