Page - 128 - in Rausch der Verwandlung
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Seine Heiterkeit tut ihr irgendwie weh. Lustig ist manches, was er erzählt,
aber, so spürt sie, ihre Kehle ist verätzt von Bitterkeit, und allmählich ergreift
sie etwas wie Haß über diesen fremden Menschen, der sich freut und
unbesorgt ist, während ihr alles sich im Zorne staut. Wie sie das Café
verlassen, schiebt er ihr den Arm unter und drückt ihn an. Es ist die gleiche
Geste, wie sie jener droben getan vor dem Hotel, und die Erregung, die sie
verbrennt, kommt nicht von diesem kleinen plaudernden Burschen neben ihr,
sondern von dem andern, von einer Erinnerung. Auf einmal faßt sie Angst.
Am Ende könnte sie diesem fremden Menschen da nachgeben, sich hinwerfen
an einen, den sie gar nicht will, nur aus Zorn, nur aus Ungeduld – und
plötzlich, da gerade ein Taxi vorüberfährt, hebt sie den Arm, reißt sich von
dem Verdutzten los und springt hinein.
Dann liegt sie noch lange wach in dem fremden Zimmer, hört draußen die
Räder rollen, die Wagen fahren. Es ist vorbei, man kann nicht hinüber, man
kann nicht durch die unsichtbare Wand, und so atmet sie im Bett erregt und
schlaflos und weiß nicht, wozu dieser Atem geht.
Auch der Sonntagvormittag wird lang wie die wirre, schlaflose Nacht. Die
meisten Geschäfte sind verschlossen und halten ihre Lockung hinter
niedergelassenen Läden versteckt. So setzt sie sich, um die Zeit zu töten, in
ein Café und blättert in den Zeitungen. Sie weiß schon nicht mehr, worauf sie
sich gefreut hat, sie hat vergessen, warum sie nach Wien gekommen ist, wo
niemand sie erwartet, wo keiner sie will. Es fällt ihr ein, die Schwester müßte
sie einmal besuchen und den Schwager, sie hat es ihnen versprochen, und es
gehört sich doch. Am besten, sie geht gleich nach Tisch hin, keinesfalls
früher, sonst könnten sie meinen, es sei wegen des Mittagessens. Die
Schwester ist ja so eigen, seit sie die Kinder hat, denkt nur an sich und spart
um jeden Knochen. Bis dahin sind noch zwei Stunden, drei Stunden, sie geht
dem Zufall nach über den Ring und merkt, daß der Eintritt in die
Gemäldegalerie heute umsonst ist; sie geht gleichgiltig durch die Säle, setzt
sich hin auf eine der Samtbänke, sieht sich die Menschen an, geht wieder
weiter und dann noch in einen Park, und wie die Zeit wächst, wächst auch das
Alleinsein in ihr. Wie sie endlich um zwei Uhr zum Schwager kommt, ist sie
müde, als wäre sie durch tiefen Schnee gestapft. Gerade beim Haustor stößt
sie auf die ganze Familie, der Schwager, die Schwester, beide Kinder, alle
sichtlich sonntäglich angetan und wirklich (es tut ihr wohl) redlich erfreut
über ihr Kommen. »Na, so etwas, so eine Überraschung! Vorige Woche hab
ich erst Nelly gesagt, wir müssen ihr einmal schreiben, warum sie sich gar
nicht sehen läßt, und wirklich, zum Mittagessen hättest du doch kommen
können, aber nicht wahr, du gehst doch jetzt mit uns, wir wollen nach
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik