Page - 131 - in Rausch der Verwandlung
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Kriegskameraden nachgibt. »Da, den Rock zieh aus, mach dir’s bequem, hier,
setz dich her in den Fauteuil – Nelly, einen Kaffee für uns, Schnaps und
Zigaretten – so, jetzt laß dich einmal anschauen. Jünger bist du nicht
geworden, eigentlich siehst du verflucht schmal aus. Dich sollte man einmal
gründlich auffüttern.« Der Fremde läßt sich gutwillig anblicken, die kindliche
Freude tut ihm sichtlich wohl. Sein hartes, gespanntes Gesicht mit der stark
vorgeschobenen Stirn und den vorgemeißelten Backenknochen lockert sich
allmählich auf. Auch Christine sieht ihn an und bemüht sich zu erinnern, an
irgendein Bild, das sie heute vormittag in der Galerie gesehen, Bildnis eines
Mönchs von einem Spanier, sie erinnert sich nicht mehr an den Namen, nur
an das gleiche asketische, knöcherne, fast fleischlose Gesicht und an den
gespannten Zug um die Nasenflügel. Der Fremde klopft mit der Hand dem
Schwager gutmütig auf den Arm. »Kannst schon recht haben, wir hätten halt
weiter teilen sollen wie damals unsere Konserven, etwas von deinem Speck
könntest du mir schon ablassen, du könntest es leicht entbehren und deine
Frau hätte, so hoffe ich, auch nichts dawider.«
»Aber jetzt erzähl, Ferdinand, ich brenn’ ja schon vor Neugierde: damals
wie uns die vom Roten Kreuz transportiert haben, ich im ersten Schub, und du
mit den siebzig andern hättest nachkommen sollen am nächsten Tag. Da sind
wir noch zwei Tage an der österreichischen Grenze gesessen. Es waren keine
Kohlen da für die Züge. Und die zwei Tage habe ich gewartet jede Stunde,
wann du eigentlich kommst, zehnmal, zwanzigmal sind wir zum
Bahnvorstand gegangen, er solle telegrafieren, aber damals war ja das
heiligste Durcheinander, und nach zwei Tagen erst sind wir weitergefahren,
siebzehn Stunden von der tschechischen Grenze bis Wien. Und du, was war
denn mit euch?«
»Na, du hättest noch zwei Jahre an der Grenze sitzen können und auf uns
warten, ihr habt eben Glück gehabt und wir sind zum Handkuß gekommen.
Eine halbe Stunde nach eurem Transport sind die Telegramme geflogen: die
Eisenbahnlinien gesprengt von den tschechischen Legionen, und dann ging’s
noch einmal zurück nach Sibirien. Das war kein Spaß, aber wir haben es nicht
schwergenommen. Wir haben geglaubt acht Tage, vierzehn Tage, einen
Monat. Aber daß das zwei Jahre würden, daran hat keiner gedacht, und nur
ein Dutzend von uns siebzig hat’s zu Ende erlebt. Die Roten, die Weißen,
Wrangell, immer Krieg, immer vor und zurück, immer hin und her, wie die
Körner im Sack hat man uns herumgeschüttelt. Erst 1921 hat das Rote Kreuz
uns zurückgeholt über Finnland: ja, mein Lieber, man hat allerhand
mitgemacht, und du verstehst, daß man nicht viel Fett dabei ansetzt.«
»So ein Pech, hörst du, Nelly! Wegen einer halben Stunde. Und ich hab’
nichts gewußt davon. Keine Ahnung habe ich gehabt, daß ihr da im Dreck
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik