Page - 132 - in Rausch der Verwandlung
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stehenbleiben mĂĽĂźt und gerade du! Gerade du! Und was hast du die ganzen
zwei Jahre gemacht?«
»Mein Lieber, wenn ich dir das alles erzählen sollt’, würden wir heute
nimmer fertig. Ich glaube, ich habe alles gemacht, was ein Mensch ĂĽberhaupt
machen kann. Beim Mähen geholfen, beim Bauen in den Fabriken, Zeitungen
habe ich ausgetragen und auf der Schreibmaschine gehämmert und vierzehn
Tage bei den Roten gekämpft, wie sie vor unserer Stadt standen, und bei den
Bauern mich durchgebettelt, wie sie in die Stadt hereinkamen. Na reden wir
nicht davon; wenn ich heute darĂĽber nachdenke, verstehe ich selbst nicht, daĂź
ich dasitze und eine Zigarette rauchen kann.«
Der Schwager ist furchtbar aufgeregt. »Nein, so was! Nein, so was! Da
weiĂź man gar nicht, was fĂĽr ein GlĂĽck man gehabt hat, wenn ich denke, zwei
Jahre wäret ihr hier noch allein gewesen, du und die Kinder, es ist gar nicht
zum Ausdenken, und einen braven Kerl wie dich, den hat’s so auf den
Schädel geschlagen! Nein, so was! Nein, so was! Gott sei Dank, daß du
wenigstens gut beieinander bist, eigentlich hast du bei all deinem Pech doch
noch Glück gehabt, daß dir gar nichts geschehen ist.«
Der Fremde nimmt die brennende Zigarette und knüllt sie bös in die
Aschenschale hinein. Sein Gesicht ist plötzlich dunkel geworden. »Ja, ich
hab’ sozusagen Glück gehabt – gar nichts ist mir geschehen, oder fast nichts,
nur da, zwei Finger gebrochen, und die noch am letzten Tag, ja. ich hab
sozusagen Glück gehabt. Nur ganz leicht hat’s mich erwischt. Es war am
letzten Tag, da haben wir es nicht mehr ausgehalten, alle die letzten, die man
zusammengepfercht hat in ein Quartier, und haben noch im Bahnhof einen
Getreidewagen ausgeräumt, nur um weiter, weiter zu kommen, siebzig
Menschen statt der vorgeschriebenen vierzig in einem Waggon, einer neben
dem andern. Nicht umdrehen hat man sich können, und wenn einer ein
Bedürfnis gehabt hat – na, das kann ich vor den Damen nicht erzählen. Aber
immerhin, man ist gefahren und war schon darüber froh. Bei einer nächsten
Station gingen noch zwanzig herein. Mit Kolben haben sie sich geschlagen,
wer zuerst vorkam, und hineingepreĂźt einer den andern, und immer noch
einer und noch einer, obwohl man schon fĂĽnf oder sechs niedergetreten hat,
und so sind wir gefahren sieben Stunden, einer hineingeschraubt in den
andern, und dabei das Stöhnen, das Schreien, das Röcheln, der Schweiß und
der Gestank. Ich bin mit dem Gesicht an der Wand gestanden und hab’ die
Hände vor mich gespreizt, daß sie mir den Brustkorb nicht eindrücken am
harten Holz, zwei Finger sind mir dabei gebrochen und die Sehne zerrissen,
und sechs Stunden bin ich so gestanden, kein Zoll Luft in der Brust, halb
erstickt. In der nächsten Station ist es besser geworden, da hat man fünf Tote
herausgeschmissen, zwei zertreten, drei erstickt, und so sind wir
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik