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Rausch der Verwandlung
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Page - 136 - in Rausch der Verwandlung

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beim Heeresministerium, bei der Polizei, beim Magistrat, nirgends ist eine Tür, an die man mich nicht gewiesen hat, keine Stiege, die ich nicht auf- und niedergeklettert bin, kein Spucknapf, in den ich nicht hineingespuckt hätte. Nein, mein Lieber lieber krepieren als noch einmal diesen Eselsweg von Amt zu Amt.« Franz sieht ihn erschrocken an, als habe er ihn bei einem Unrecht ertappt. Seine eigene Behaglichkeit drückt ihn, man spürt es, wie eine Schuld. Er rückt näher heran: »Ja, aber was machst denn jetzt?« »So allerhand. Was sich gerade trifft. Bis auf weiteres bin ich in Flondsdorf bei einem Bau technischer Aufseher, so halber Architekt und halb Aufpasser. Ganz leidlich bezahlt übrigens, und sie werden mich halten, bis der Bau fertig ist oder die Firma pleite. Dann werde ich schon wieder etwas anderes finden, ich sorge mich nicht. Aber mit dem, was ich dir drüben erzählt habe, drüben auf unserer Holzpritsche, mit dem Architektsein und Brückenbauen, damit ist es pritsch. Die Zeit, die ich drüben hinter dem Stacheldraht verduselt, verraucht und verblödelt habe, die hole ich nicht mehr ein. Die akademische Tür ist zu, die sperre ich nicht mehr auf, dazu haben sie mir damals mit dem Kolben bei Beginn des Kriegs den Schlüssel aus der Hand geschlagen, der liegt im sibirischen Dreck. Aber lassen wir das, gib mir lieber noch einen Cognac – der Schnaps und die Zigaretten sind das einzige, was man drüben im Krieg gelernt hat.« Gehorsam schenkt ihm Franz sein Glas ein. Seine Hände zittern dabei. »Nein, so was, nein, so was! Ein Kerl wie du, so fleißig, so gescheit und so brav, muß sich so herumrackern. Wirklich, das ist eine Schande, auf dich hätte ich geschworen, daß du hochkommst, und wenn’s einer verdient hat, bist du’s. Na, aber das muß auch anders werden. Es muß sich da was ergeben.« »Es muß sich? So! Habe ich auch geglaubt, die ganzen fünf Jahre, seit ich zurück bin. Aber das Muß ist eine harte Nuß, und auch die fällt nicht immer vom Baum, wenn man ihn noch so schüttelt. In der Welt sieht es eben doch ein bissel anders aus, als wir es im Lesebuch gelernt haben mit ›Üb immer Treu und Redlichkeit … ‹ Wir sind keine Eidechsen, denen die Schwänze prompt anwachsen, wo man sie ihnen ausgerissen hat. Mein Lieber, wenn man einem sechs Jahre, die besten, von achtzehn bis vierundzwanzig, herausgeschnitten hat aus dem lebendigen Leib, da bleibt man irgendwie ein Krüppel, auch wenn man, wie du sagst, das Glück gehabt hat, daß man glücklich nach Hause gekommen ist. Wenn ich eine Arbeit suche, weiß ich nicht mehr als irgendein besserer Lehrling oder ein verbummelter Gymnasiast, und wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich aus wie vierzig Jahre. Nein, wir sind in einer schlechten Zeit zur Welt gekommen, das heilt einem 136
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Rausch der Verwandlung
Title
Rausch der Verwandlung
Author
Stefan Zweig
Date
1982
Language
German
License
PD
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
204
Categories
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