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Rausch der Verwandlung
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Page - 137 - in Rausch der Verwandlung

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kein Doktor zu, diese sechs Jahre Jugend mitten aus dem Leib gerissen, und wer gibt mir etwas dafür? Der Staat? Dieser Oberlump, dieser Oberdieb? Sag mir doch eines unter euren vierzig Ministerien, für Justiz, für Volkswohlfahrt und Handel und Wandel im Frieden und im Krieg, zeige mir eines für Gerechtigkeit. Hineingejagt haben sie uns und dazu den Radetzkymarsch geblasen und das ›Gott erhalte‹, und jetzt blasen sie einem was anders vor. Ja, mein Lieber, vom Dreck aus gesehen, sieht die Welt nicht sehr lieblich aus.« Franz sitzt noch immer betroffen, er merkt den geärgerten Blick seiner Frau, und aus Verlegenheit beginnt er den Freund zu entschuldigen. »Nein, wie du redest, Ferdl, ich erkenne dich kaum. Ihr hättet ihn drüben sehen sollen, der bravste, der geduldigste Kerl von allen, der einzige anständige unter der Bagage. Ich erinnere mich noch, wie sie ihn eingebracht haben, ein schmales Bürschel, neunzehn Jahre war er damals. Die andern waren alle mordsglücklich, daß für sie der Wirbel zu Ende war, nur er war ganz blaß vor Wut, daß sie ihn beim Rückzug abgefangen haben, gleich aus dem Waggon heraus, daß er nicht hat kämpfen können und sterben für das Vaterland. Am ersten Abend, ich erinnere mich noch, das hatten wir noch nie gesehen, frisch vom Pfarrer und von der Mutter her ist er in den Krieg gekommen – ist er hingekniet und hat gebetet. Wenn einer gespaßt hat über den Kaiser oder über die Armee, hat er ihm an die Gurgel fahren wollen. So einer war das, der anständigste unter uns allen, der hat noch geglaubt an alles, wie es in den Zeitungen gestanden ist und im Regimentsbefehl, und jetzt red’t er so!« Ferdinand sieht ihn finster an: »Ich weiß, daß ich wie ein Schulbub alles geglaubt habe. Aber ihr habt mir’s ausgetrieben! Habt ihr mir nicht gleich vom ersten Tag an gesagt, daß alles nur Schwindel war, unsere Generäle Trotteln und daß die Proviantoffiziere stahlen wie die Raben, daß jeder ein Esel war, der nicht die Hände hochgeschmissen hat? Und wer war dort der Oberbolschewik, ich oder du? Wer, du Wurschtel, hat die Reden gehalten vom Weltsozialismus und der Weltrevolution? Wer hat als erster die rote Fahne genommen und ist hinüber ins Offizierslager, den Offizieren die Rosetten abzureißen? Na, erinnere dich doch ein bissel! Wer hat vom Gouverneurspalais neben dem Sowjetkommissär die große Ansprache gehalten, daß die gefangenen österreichischen Soldaten nicht mehr Söldner des Kaisers sind, sondern Soldaten der Weltrevolution, daß sie nur nach Hause marschieren werden, um die kapitalistische Ordnung zu zerschlagen, das Reich der Ordnung und Gerechtigkeit aufzubauen? Na, und was ist mit dem Aufräumen geworden, wie du erst wieder dein geliebtes Beinfleisch gekriegt hast und dein Krügel Pils? Wo, Herr Obersozialist, habt ihr sie denn gemacht, darf ich gehorsamst fragen, eure Weltrevolution?« Nelly steht brüsk auf und macht sich am Geschirr zu schaffen. Sie verbirgt 137
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Rausch der Verwandlung
Title
Rausch der Verwandlung
Author
Stefan Zweig
Date
1982
Language
German
License
PD
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
204
Categories
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