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Rausch der Verwandlung
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Page - 142 - in Rausch der Verwandlung

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sie nur bald Frau Bezirksvorsteher wird. Zum erstenmal in ihrem Leben sieht sie die Schwester, der sie immer respektvoll untergeordnet war, mit Verächtlichkeit an und mit Haß, weil sie nicht versteht, was sie nicht verstehen will. Glücklicherweise kommt jetzt Franz herauf. Die Stille steht zwischen ihnen schon wieder gefährlich und dick im Zimmer. Unsicher nähert er sich den beiden Frauen. Mit weichen kleinen Schritten, so wie man auf unsichern Boden tritt. »Ein langes Standerl hast noch unten mit ihm gemacht, na, mir kann’s recht sein, wir werden wahrscheinlich noch öfter jetzt das Vergnügen haben. Wenn einer drunten ist, kommt er gern die Stiegen zu den andern herauf.« Franz steht ganz erschrocken da. »Aber Nelly … was fällt dir denn ein, du weißt ja gar nicht, was das für ein Mensch ist. Wenn er hätte kommen wollen und was haben, wäre er doch schon längst gekommen. Meine Adresse hätte er doch gewußt aus dem Amtskalender. Verstehst du denn nicht, daß er gerade deshalb nicht gekommen ist, weil es ihm schlecht geht. Er weiß doch, daß ich ihm alles geben täte, was er braucht.« »Ja, großer Hergeber bist schon, wenn’s solche Leute gilt. Von mir aus kannst ihn ja treffen, ich verbiete es dir nicht. Aber hier im Haus hab’ ich genug, da schau her, das Loch, das er mit seiner Zigarette gebrannt hat, und da schau, auf dem Fußboden, nicht einmal die Stiefel hat er sich abgeputzt, dein Freund, da kann man dann zusammenfegen. Na, wenn’s dir Vergnügen macht, ich hindere dich nicht.« Christine hält die Finger geballt, sie schämt sich für die Schwester, sie schämt sich für den Schwager, der da unterwürfig steht und in den harten Rücken seiner Frau hinein erklären will. Die Luft wird unerträglich. Sie steht auf. »Jetzt muß ich auch gehen, ich krieg’ sonst den Zug nicht mehr, seid nicht böse, daß ich euch so lang aufgehalten hab’.« »Aber nein«, sagt die Schwester, »komm nur bald wieder.« Sie sagt es, wie man einem Fremden guten Tag oder guten Abend sagt. Irgendein Fremdes steht zwischen den beiden, die eine haßt die Revolte, die andere die Bequemlichkeit bei der andern. Während Christine die Treppen hinabsteigt, überkommt sie plötzlich ein unbestimmtes Gefühl, unten werde jener Fremde auf sie warten. Vergebens sucht sie diesen Gedanken zu entkräften, jener Mann hat sie ja nur flüchtig neugierig angeblickt und kein einziges Wort zu ihr gesprochen – und sie weiß gar nicht, ob sie eine solche Begegnung wünscht oder nicht, aber der Gedanke 142
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Rausch der Verwandlung
Title
Rausch der Verwandlung
Author
Stefan Zweig
Date
1982
Language
German
License
PD
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
204
Categories
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