Page - 143 - in Rausch der Verwandlung
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hakt sich mit einer merkwürdigen Festigkeit ein und dringt von Stufe zu
Stufe, die sie niedersteigt, beinahe als eine Gewißheit immer tiefer in sie ein.
So ist sie eigentlich gar nicht überrascht, als unten, kaum daß sie aus dem
Haustor getreten ist, der graue Havelock über die Straße weht und mit
unruhigem, verschüchterten Gesicht der Fremde vor ihr steht.
»Verzeihen Sie, Fräulein, daß ich auf Sie gewartet habe«, spricht er
plötzlich mit einer andern, einer gleichsam zweiten Stimme, einer
schüchternen, verlegenen, zurückhaltend betroffenen, und nicht wie vordem
mit jener kahlharten, energischen und aggressiven – »aber ich habe mir die
ganze Zeit schon Sorge gemacht, ob Sie nicht … ob Ihre Schwester nicht auf
Sie ungehalten ist … Ich meine, weil ich so grob mit dem Franzi geredet hab
und weil Sie … weil Sie mir recht gegeben haben … Es tut mir ja selber leid,
daß ich ihn so scharf angegangen bin … Ich weiß, es hat sich nicht gehört,
wenn man in ein fremdes Haus kommt und vor fremde Leute, und, mein
Wort, ich hab’s gar nicht bös gemeint, im Gegenteil … er ist ja so ein guter,
braver Kerl, ein so famoser Freund, ein ganz, ganz guter Mensch, wie man
ihn kaum wiederfindet … Wirklich, es hat mich gerissen, wie ich ihn so
plötzlich vor mir gesehen hab’, daß ich ihm um den Hals falle und ihn
abküsse oder ihm irgendwie meine Freude zeige, so wie er sie mir gezeigt
hat … Aber, Sie müssen es verstehn, ich habe mich geniert … geniert vor
Ihnen und Ihrer Schwester, es sieht ja so komisch aus vor andern, wenn man
voreinander sentimental tut … eben weil ich mich geniert hab’, nur darum bin
ich so dumm aufsässig gewesen gegen ihn … ich kann nichts dafür, ich kann
wirklich nichts dafür. Aber gegen meinen Willen hat’s mich gerissen, wie ich
ihn da sitzen gesehen hab’, rund und zufrieden mit seiner braven Wampen,
seiner Schale Kaffee und seinem Grammophon, daß ich ihn ein bissel frotzeln
und kitzeln hab’ müssen … Sie haben ihn ja nicht gekannt da draußen, der
allerwütigste ist er gewesen, von früh bis spät abends hat er nichts geredet als
Revolution und Zusammenschlagen und Ordnungmachen, und jetzt, wie ich
ihn so brav hab’ sitzen gesehn, so schlafhäuberisch und so mollert, so
zufrieden mit allem, seiner Frau, seinen Kindern, seiner Partei und seiner
Gemeindehauswohnung mit den Blumen am Balkon, so gottzufrieden und
kleinbürgerisch … da hat ‘s mich halt packt, ihn ein bissel zu zwiefeln und zu
zwicken, und Ihre Schwester hat natürlich geglaubt, ich bin ihm neidig, weil
er es so gut hat … Aber ich schwöre es Ihnen, ich hab’ mich nur gefreut, daß
er es so gut hat, und wenn ich ihn ein bissel angepfiffen hab’ … so war’s …
so war’s gerade, weil ich solche Lust hatte, ihm auf die Schulter zu klopfen
oder ihn unter den Arm zu nehmen oder auf sein Bäucherl zu klopfen, dem
Franzi, und ich habe mich nur geniert vor Ihnen … «
Christine muß lächeln. Sie versteht alles, auch die Lust, den braven dicken
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik