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Rausch der Verwandlung
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Page - 145 - in Rausch der Verwandlung

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Aufglimmen der Stimme ist wieder etwas, was ihr wohl tut. Er darf jetzt an ihrer Seite gehen. Aber noch immer entschuldigt er sich. »Es war doch ein Unsinn von mir, und ich ärgere mich, ich hätte es nicht tun sollen. Ich hätte nicht so vorbeireden dürfen an Ihrer Schwester und so vorbeidenken, sie ist doch seine Frau, und ich bin ihr doch ganz fremd. Es hätte sich doch gehört, daß ich zuerst nach den Kindern gefragt hätte, und ob sie gute Zeugnisse haben, und in welche Klasse sie gehen und überhaupt etwas, was sie beide angeht. Aber mich hat’s eben so gepackt, wie ich ihn gesehen hab’, da hab’ ich alles vergessen, mir war auf einmal so voll und warm, schließlich ist er doch der einzige Mensch, der von mir etwas weiß und mich versteht … nicht daß wir eigentlich zusammenpassen… Er ist ganz anders als ich, viel besser, viel anständiger … und dann ganz von woanders her, und alles, was ich will und eigentlich möchte, davon versteht er nichts … Aber doch, es hat uns eben einmal zusammengeschmissen, zwei Jahre, Tag für Tag und Nacht für Nacht, und so ganz außer der Welt wie auf einer Insel… Nichts könnte ich ihm wahrscheinlich erklären von all dem, was mich angeht, aber doch, er möchte es irgendwo besser spüren als jeder andere. Wir brauchten gar nicht zu reden miteinander, wir müßten uns nur gegenübersitzen. In dem einen Augenblick, wo ich ins Zimmer getreten bin, hab’ ich alles gewußt von ihm – mehr vielleicht, als er selber von sich weiß, und er hat wieder gewußt… und darum war er ja auch so verlegen, als ob ich ihn ertappt hätte bei etwas, und hat sich geschämt… ich weiß nicht über was, vielleicht über sein Bäucherl, oder daß er so bürgerbrav geworden ist … In dem einen Augenblick war er doch wieder der andere, und die Frau war nicht da, und Sie waren nicht da, und beide hätten wir gern euch beide weggehabt, nur um zu sprechen, die ganze Nacht hätten wir uns erzählt – ja, und natürlich, das hat Ihre Schwester gespürt, und doch, seit er weiß, daß ich da bin, und ich weiß, daß er da ist, ist uns wärmer allen beiden. Beide spüren wir, daß, wenn einen jetzt was drückt, man hätte jemand, zu dem man hingehen und sich ausplaudern kann. Denn die andern – nein, das können Sie nicht begreifen, ich kann’s auch vielleicht nicht recht erklären, aber seit ich zurück bin von diesen sechs Jahren in einer andern Welt, da ist mir, als wäre ich zurückgekommen vom Mond. Irgend etwas ist mir fremd an den Menschen, mit denen ich früher gelebt habe. Wenn ich mit den Verwandten oder der Großmutter am Tisch sitze, weiß ich nicht, was ich mit ihnen reden soll, ich verstehe nicht, woran sie sich freuen, und alles kommt mir so fremd vor, was sie tun, so sinnlos. Es ist so wie … wie wenn man von der Straße aus hinter einer Glaswand im Café Tanz sieht, und man hört nicht die Musik. Man weiß nicht, warum sie sich so drehen zu einem Takt, den man nicht hört, und so verzückte Gesichter machen. Irgend etwas an ihnen begreift man nicht und sie nicht an einem, und sie halten einen dann für neidisch oder für böse, und es ist 145
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Rausch der Verwandlung
Title
Rausch der Verwandlung
Author
Stefan Zweig
Date
1982
Language
German
License
PD
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
204
Categories
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