Page - 152 - in Rausch der Verwandlung
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Er atmet schwer. »Ich weiß, daß das Unsinn ist, immer wird der Falsche
geschlagen, immer geht es auf die Unrechten. Ich weiß, sie sind arme Hunde
und gar nicht dumm, sie tun das Klügste: sie finden sich ab. Sie lassen sich
absterben, dann spürt man nichts mehr, aber mich Dummkopf reißt’s immer,
jedem dieser kleinen Zufriedenen eins überzuziehen, ihn herauszuhetzen aus
sich selbst – vielleicht nur, damit man selber innerhalb einer Meute ist und
nicht so allein mit sich selbst. Ich weiß, es ist dumm, ich weiß, ich schneide
mir damit ins eigene Fleisch, aber ich kann nicht anders, von diesen elf
giftigen Jahren bin ich so vollgequollen von Haß, daß er mir die Kehle
abdrückt bis an die Lippen. Gleich stößt es herauf bis an den Mund, und
überall wo ich bin, laufe ich rasch nach Hause oder hinüber in die
Volksbibliothek. Aber es freut mich nicht mehr, zu lesen. Die Romane, die sie
heute schreiben, gehen mich nichts an. Die kleinen Geschichten, wie Hans die
Grete kriegt und die Grete den Hans und wie die Paula den Johann betrügt
und Johann die Paula, das Kotzen kommt mich an – und die Bücher vom
Krieg – die braucht mir niemand zu erzählen, und auch zum Lernen habe ich
nicht die rechte Kraft, seit ich weiß, es hilft nichts, und man kommt nicht
weiter, wenn man nicht die akademische Hundemarke kriegt, und für die habe
ich kein Geld, und weil ich kein Geld habe, komm ich nicht zu Geld, und so
wächst einem die Wut im Leib, und man sperrt sich selber aus wie ein
bissiges Tier. Nichts macht einen wütender, als wenn man wehrlos ist gegen
irgend etwas, das man nicht fassen kann, gegen das, was von den Menschen
kommt und doch nicht von einem einzelnen, dem man an die Gurgel fahren
kann. Der Franzl, der weiß davon. Ich brauchte ihn nur zu erinnern, wie wir
manchmal nachts in unserer Baracke am Boden gelegen sind und geheult
haben und die Finger in die Erde gekrallt vor Wut, wie wir aus blöder Bosheit
die Flaschen zerschlagen haben und wie wir überlegt haben, ob wir nicht mit
der Hacke den armen Nikolai umlegen sollten, den braven Wachsoldaten, der
eigentlich unser Freund war, gutmütig, still, aber nur weil er der einzige
Faßbare war von ihnen allen, die uns da eingesperrt hielten, nur darum. Ja,
nicht wahr, jetzt begreifen Sie auch, warum es mich so aufgezogen hat, wie
ich den Franzl gesehen habe. Ich konnte mich gar nicht mehr erinnern, daß
irgendeiner da ist, der mich begreifen könnte, aber gleich habe ich gespürt, er
versteht mich – und dann Sie.«
Sie blickt auf und fühlt sich von seinem Blick überschwemmt. Und gleich
schämt er sich wieder.
»Verzeihen Sie«, sagt er wieder mit der andern, der weichen, der
ängstlichen, der kleinen Stimme, die so merkwürdig mit der harten und
herausfordernden seines Zorns kontrastiert, »verzeihen Sie, ich sollte nicht so
viel von mir sprechen, ich weiß, es ist ungezogen. Aber vielleicht den ganzen
Monat habe ich mit allen zusammen nicht so viel gesprochen als mit Ihnen.«
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik