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Rausch der Verwandlung
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Page - 156 - in Rausch der Verwandlung

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Sie gehen wieder weiter durch immer engere Straßen. Er scheint nicht sehr sicher und prüft ängstlich die Häuser. Endlich sieht er eines in einem kleinen versteckten Licht träumen, mit einer erleuchteten Aufschrift. Unmerklich lenkt er sie hin, sie wehrt sich nicht. Und dann gehen sie durch die Tür wie in einen finstern Schacht. Sie treten in einen Korridor, der wahrscheinlich mit Absicht nur mit einer einzigen mattkerzigen Glühbirne beleuchtet ist. Ein Portier, schmutzig und verschmiert, kommt in Hemdärmeln hinter der Glastür heraus. Die beiden Männer flüstern miteinander, als machten sie verbotene Geschäfte. Etwas klirrt leise zwischen ihren Händen, Geld oder Schlüssel. Christine steht unterdessen allein im halbdunklen Korridor und starrt die grindige Wand an, unsäglich enttäuschungsvoll über diese erbärmliche Höhle. Sie will nicht daran denken, aber wie ein Zwang kommt die Erinnerung an den Eingang jenes andern Hotels (die Assoziation des Wortes reißt die Erinnerung her), die spiegelnden Scheiben, gekühltes, flutendes Licht, Reichtum und Bequemlichkeit. »Nummer neun«, trompetet der Portier laut und fügt ebenso stark bei, »im ersten Stock«, als ob er will, daß es jemand bis hinauf hört. Ferdinand tritt zu ihr und nimmt ihren Arm. Sie sieht ihn flehend an: »Kann man denn nicht … « Sie weiß nicht, was sie sagen will. Aber er sieht in ihren Augen das Grauen und den Willen zur Flucht. »Nein, sie sind alle so … Ich weiß eben kein anderes … ich kenne es ja nicht.« Dann nimmt er ihren Arm und stützt sie die Treppe hinauf. Es ist nötig, denn ihr ist, als habe ein Messer ihre Kniekehlen durchschnitten und jede Sehne im Leib gelähmt. Eine Zimmertür steht offen. Das Dienstmädchen tritt heraus, gleichfalls schmutzig, mit übernächtigtem Gesicht: »Gleich bitte, ich hole nur rasch frische Handtücher.« Sie treten inzwischen ein, ziehen rasch die Tür hinter sich zu. Grauenhaft eng ist dies einfenstrige Rechteck, ein einziger Sessel steht darin, ein Kleiderhaken, ein Waschtisch, sonst nur niederträchtig absichtsvoll, als wisse es, daß es hier das einzige wichtige Möbelstück ist, ein breites aufgeschlagenes Bett. Unsäglich schamlos in seiner Zweckhaftigkeit steht es da und füllt das enge Geviert. Man kann ihm nicht ausweichen, man kann nicht daran vorbeigehen, man kann es nicht übersehen. Die Luft ist stockig und säuerlich von kaltem Zigarettenrauch, schlechter Seife und irgend etwas anderem, das falsch und säuerlich riecht. Unwillkürlich preßt sie den Mund zu, um nichts davon einzuatmen. Dann kommt die Angst über sie, ohnmächtig zu werden vor Widerwillen und Ekel. Hastig macht sie einen Schritt auf das Fenster zu, reißt den Flügel auf und atmet, wie aus einer vergasten Mine gerettet, die kühl einströmende, neue und unverbrauchte Luft. Es klopft leise. Sie schrickt zusammen, aber es ist nur das Stubenmädchen, 156
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Rausch der Verwandlung
Title
Rausch der Verwandlung
Author
Stefan Zweig
Date
1982
Language
German
License
PD
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
204
Categories
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