Page - 157 - in Rausch der Verwandlung
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das die frischen Handtücher hereinbringt und auf den Waschtisch legt. Wie sie
merkt, daß die fremde Frau das Fenster im beleuchteten Zimmer geöffnet hat,
äußert sie sich mit einer gewissen Ängstlichkeit: »Bitte dann die Vorhänge
herabzulassen.« Dann geht sie höflich hinaus.
Christine bleibt am Fenster stehen, dieses »dann« hat sie getroffen, dazu
kommt man ja in solche Seitengassenhäuser, in solche stinkenden Höhlen; nur
dazu. Vielleicht – sie erschrickt – könnte er glauben, sie sei auch nur
deswegen gekommen, nur deswegen.
Obwohl er ihr Gesicht nicht sieht, das beharrlich verbissen der Straße
zugewandt ist, sieht er doch an der krampfig vorgebeugten Silhouette ihrer
Gestalt, wie sehr ihre Schultern beben, und er versteht ihr Grauen. Zart tritt er
an sie heran, er hat Angst, sie mit einem Wort zu verletzen, streift ihr mit der
Hand zart die Schultern herab, immer tiefer hinab, bis er die Finger findet, die
kalt sind und zittern. Sie spürt, daß er sie beruhigen will. »Verzeihen Sie mir«,
sagt sie, ohne sich umzuwenden, »aber mir ist plötzlich ganz schwindlig
geworden. Es wird gleich besser werden. Nur noch ein bißchen frische
Luft … es ist nur, weil … «
Sie will eigentlich unwillkürlich sagen: weil es das erstemal ist, daß ich so
ein Haus, so ein Zimmer sehe. Aber sie beißt die Lippen zusammen, was
braucht er es zu wissen. Sie wendet sich plötzlich um, schließt das Fenster
und befiehlt: »Machen Sie dunkel.«
Er dreht den Kontakt, mit einem Sprung tritt Nacht herein und löscht die
Konturen aus. Das Schrecklichste ist fort, das Bett wartet nicht mehr so frech,
sondern glänzt nur weiß und ungewiß im aufgelösten Raum. Aber das Grauen
bleibt. Jetzt hört sie mit einem Mal in der Stille kleine Geräusche, Knacken,
Seufzen, Lachen, Knirschen, den Hauch nackter Schritte und das Rieseln von
Wasser von irgendwoher. Sie spürt, daß das Haus voll von fremdem und
unzüchtigem Geschehen ist, einzig zweckhaft der Paarung bestimmt. Wie
einen feinen Frost, Schicht um Schicht fühlt sie dieses Grauen in sich
eindringen. Erst schauert es nur über die Haut, dann greift es schon an die
Gelenke und macht sie starr, jetzt muß es schon nahe sein am Hirn, am
Herzen, denn sie spürt, sie kann nichts mehr denken, nichts mehr fühlen, alles
ist gleichgiltig, sinnlos und fremd, und auch dieser fremde Atem des fremden
Mannes, der hier ihr ganz nahe ist. Glücklicherweise ist er zart und bedrängt
sie nicht, er zieht sie nur nieder, und sie setzen sich beide angezogen
nebeneinander auf den Bettrand, ohne zu sprechen, nur seine Hand streift
immer wieder über den Stoff des Ärmels und über die nackte Hand. Er wartet
geduldig, ob das Grauen nicht von ihr weichen will, das Entsetzen nicht
auftauen, das sie umfrostet hält. Und diese Demut, diese Unterwürfigkeit
ergreift sie. Und als er sie schließlich umfaßt, wehrt sie sich nicht.
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik