Page - 160 - in Rausch der Verwandlung
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›Boze moi … ‹ Der Mund ging ihm auf vor Schrecken, heute sehe ich ihn
noch, wie der Brave erschrak … Gleich rückte er näher und streichelte mich
wie ein Lamm: ›Oh, du Armer, du Armer … Krank wirst du werden … ‹ Er
streichelte mich noch immer, und ich merkte, wie er krampfhaft dabei
nachdachte. Denken, einen Gedanken hinter den andern zu schieben, war für
diesen dickstirnigen schweren Sergej eine schwere Anstrengung, schwerer als
einen Baumstamm zu heben. Sein ganzes Gesicht wurde dunkel dabei und
seine Augen ganz innerlich. Endlich sagte er: ›Warte, Brüderchen, ich werde
es schon machen. Ich finde eine für dich. Es sind viele im Dorf, Kriegerfrauen
und Witwen, ich bringe dich zu einer, nachts. Ich weiß, du reißt mir nicht
aus.‹ Ich sagte nicht ja, ich sagte nicht nein, ich hatte keine Lust, keine Gier…
was konnte es sein … ein einfältiges tierisches Bauernweib, aber doch, nur
einmal das Warme zu spüren, das Verbundensein mit einem Menschen … Nur
nicht so gräßlich allein, nur … ich weiß nicht, ob du es verstehst? … «
»Ja«, atmet sie, »ich verstehe.«
»Und wirklich, abends kam er zu uns in die Baracke. Er pfiff leise, wie wir
es verabredet hatten, im Dunkel stand draußen neben ihm eine Frau, breit und
klein, das Haar fettig wie Öl unter buntem Kopftuch. ›Das ist er‹, sagte
Sergej. ›Willst du ihn?‹ Mich sah im Dunkel die kleine schlitzäugige Frau
scharf an. Dann antwortete sie ›Ja‹. Wir gingen ein Stück zu dritt, er
begleitete uns. ›Wie weit sie ihn geschleppt haben, den Armen‹, sagte sie
bedauernd zu Sergej. ›Und nie eine Frau, immer allein unter Männern, der
Arme … Oh, oh, oh.‹ Es klang gut und tief, warm und gut hörte es sich an.
Ich verstand, daß sie mich aus Mitleid zu sich nahm und nicht aus Liebe. ›Mir
haben sie den Mann erschossen‹, erzählte sie dann, ›groß wie eine Esche,
stark wie ein junger Bär war er. Nie hat er getrunken und nie mich
geschlagen, er war der Beste im Dorf, jetzt lebe ich unter den Kindern und
mit der Schwiegermutter, Gott ist streng mit uns.‹ Ich ging mit ihr zu ihrem
Haus … mit Stroh weiß gedeckt, eine Hütte mit winzigen verschlossenen
Fenstern, und als ich eintrat, von ihrer Hand gezogen, beizte mir der Rauch
ins Gesicht. Dick war und heiß die Luft wie in einer giftigen Mine. Sie zog
mich weiter, auf dem Ofen war das Lager, dort mußte ich hinauf; plötzlich
rührte sich etwas, ich erschrak. ›Die Kinder sind es‹, sagte sie beruhigend.
Jetzt erst spürte ich, daß das Zimmer voll von fremdem Atem war. Einmal
hustete es, und wieder beruhigte sie mein Erschrecken: ›Die Großmutter, sie
ist krank, die Brust löscht ihr aus.‹ All das Atmen, der Stank in diesem Raum,
ich weiß nicht, ob ich mit fünf oder sechs oder mit wievielen ich beisammen
war, und all das machte mir das Herz starr. Und es war mir grauenhaft, etwas
mit einer Frau zu tun zu haben, grauenhaft, unsagbar grauenhaft, während
nebenan im Zimmer die Kinder lagen und die Mutter, ich weiß nicht, die ihre
oder die seine. Sie verstand mein Zögern nicht und kauerte sich an mich
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik