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Rausch der Verwandlung
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Page - 161 - in Rausch der Verwandlung

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heran. Sie zog mich aus, wehmütig die Schuhe, sanft und zärtlich den Rock, sie streichelte mir über die Haut wie einem Kinde, rührend gut war sie zu mir … dann, ganz langsam verlangend zog sie mich an sich. Sie hatte Brüste, weich und warm und groß wie frisch gebackenes Brot, einen zärtlichen Mund, der still an dem meinen sog und rührende Bewegungen, demütig unterwürfig… Rührend war sie, wirklich, ich habe sie gern gehabt, dankbar war ich ihr, aber das Grauen krampfte mir den Hals. Ich konnte es nicht ertragen, wenn ein Kind sich rührte im Schlaf, wenn die Großmutter, die kranke, stöhnte, und ehe es recht zu dämmern begann, flüchtete ich hinaus … Ich hatte so eine tierische Angst vor dem Blick der Kinder, vor dem kranken Auge der Uralten … sie hätte das alles gewiß natürlich gefunden, daß da ein Mann bei der Frau lag, aber ich … ich konnte das nicht, ich flüchtete weg. Sie begleitete mich vor das Tor, demütig wie ein Haustier, rührend zeigte sie mir, daß sie von nun ab mir gehörte, in den Stall führte sie mich noch und melkte mir Milch, warm und frisch, gab mir Brot auf den Weg mit und eine Pfeife, sie mußte noch von ihrem Mann sein, und dann fragte sie mich noch, nein, sie bat… es war eine demütige und ehrerbietige Bitte. ›Du kommst doch wieder heute nacht?‹ … Aber ich kam nicht mehr, grauenhaft war mir die Erinnerung an diese Hütte mit dem Rauch und den Kindern und der Großmutter und dem Ungeziefer, das über den Boden rannte … Und dabei war ich dankbar, heute denke ich noch mit, ja, mit einer Art Liebe an sie … wie sie die Milch aus dem Euter melkte, wie sie mir das Brot gab, wie sie mir ihren Körper gab… Und ich weiß, ich habe sie gekränkt, daß ich nicht mehr kam … Und die andern … die haben es nicht verstanden … Alle haben sie mich beneidet, so arm waren sie, so verlassen, daß sie mir das noch neideten. Jeden Tag nahm ich mir vor, heute gehe ich zu ihr, und jedesmal … « »Um Gottes willen«, ruft sie, »was ist denn los?« Christine ist mit einem Ruck aufgefahren und horcht. »Nichts«, will er sagen. Aber er erschrickt selbst. Plötzlich ist da draußen etwas im Gange, laute Stimmen, Lärmen, Geschrei, ein helles Durcheinander, jemand schreit, jemand lacht, jemand befiehlt. Etwas ist geschehen. »Warte«, sagt er und springt aus dem Bett. In einer Minute hat er sich die Kleider übergeworfen und steht an der Tür und horcht: »Ich werde sehen, was geschehen ist.« Etwas ist geschehen. Wie ein Schlafender plötzlich ächzend, schreiend, stöhnend auffährt aus einem schreckhaften Traum, murrt die bislang nur leise raunende Hotelspelunke plötzlich auf, in unerklärlichen und fremden Lauten. Es läutet, es klopft, es läuft Treppen auf und Treppen ab, ein Telefon klirrt, Schritte tappen, Fenster klirren. Es ruft, es redet, es fragt mit einmal wirr 161
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Rausch der Verwandlung
Title
Rausch der Verwandlung
Author
Stefan Zweig
Date
1982
Language
German
License
PD
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
204
Categories
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