Page - 163 - in Rausch der Verwandlung
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setzt sich zu ihr und streichelt ihre Hände. »Es ist meine Schuld, verzeihe mir.
Ich hätte daran denken sollen, aber … ich wußte ja nichts anderes, und ich
wollte … ich wollte so sehr gern mit dir sein. Verzeih mir.«
Er streichelt immer wieder ihre Hände, sie bleiben noch immer kalt und
empfangen Schauer von ihrem jäh geschüttelten Leib.
»Habe keine Angst«, beruhigt er sie, »sie können dir nichts tun. Und
wenn … wenn einer frech wird von diesen verfluchten Hunden, dann werde
ich es ihnen zeigen. So leicht lasse ich mir nichts gefallen, dazu hat man nicht
im Dreck gelegen, vier Jahre, daß man sich dann von solchen uniformierten
Nachtwächtern kujonieren läßt, ich werde ihnen eines geigen.«
»Nein«, bittet sie ängstlich, wie sie sieht, daß er rückwärts an der
Revolvertasche nestelt. »Ich beschwöre dich, bleibe ruhig. Wenn du mich nur
ein bißchen lieb hast, bleibe ruhig, lieber will ich … « Sie kann nicht
weitersprechen.
Jetzt kommen die Schritte die Treppe herauf. Ganz nahe scheinen sie zu
sein. Ihr Zimmer ist das dritte, und bei dem ersten beginnt das Klopfen. Beide
halten den Atem an, man hört jeden Laut durch die dünne Tür. Es geht rasch
beim ersten Zimmer, jetzt sind sie nebenan. Poch, poch, poch, dreimal hört
man den Schlag gegen das Holz, und jetzt, wie wer von nebenan die Tür
aufreißt und mit stark betrunkener Stimme ruft: »Habt ihr nichts anderes zu
tun, als anständige Menschen in der Nacht zu sekkieren? Schaut lieber, daß
ihr die Raubmörder fangt!« Eine tiefe Stimme sagt streng: »Ihre
Legitimation!« Dann fragt sie etwas leiser. »Meine Braut, jawohl, meine
Braut«, sagt laut und herausfordernd die betrunkene Stimme, »ich kann es
beweisen. Zwei Jahre gehen wir schon miteinander.« Es scheint zu genügen,
die Türe schließt sich mit einem kräftigen Ruck nebenan.
Jetzt müssen sie kommen. Nur vier, fünf Schritte ist eine Tür von der
andern, und sie kommen, tapp, tapp, tapp … Christine ist das Herz starr. Dann
klopft es an. Ferdinand geht ruhig dem Polizeiinspektor entgegen, der diskret
an der offenen Tür stehengeblieben ist. Er hat eigentlich ein freundliches
Gesicht, rund, breit, mit einem kleinen koketten Schnurrbart, nur der enge
Uniformkragen pumpt ihm zuviel Blut in das eigentlich gemütliche Gesicht.
In Zivil oder in Hemdärmeln kann man sich ihn denken, wie er duselig den
Kopf zu einem Walzergstanzl wiegt, jetzt zieht er gewaltsam die Brauen
stramm und sagt: »Haben Sie Ihre Papiere bei sich?« Ferdinand geht näher zu
ihm hin: »Da, und wenn Sie wünschen, meine Militärpapiere auch noch, wer
die hat, wundert sich nicht, wenn einem allerhand Dreckiges passiert, der ist
daran gewöhnt.« Der Inspektor überhört den scharfen Ton, vergleicht die
Legitimation mit dem Meldezettel, dann tut er einen kleinen Blick auf
Christine, die, das Antlitz weggewendet, ganz in sich gedrückt auf dem Sessel
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik