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Rausch der Verwandlung
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Page - 174 - in Rausch der Verwandlung

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»Hast du jetzt nicht Mittagspause? Ich habe gedacht, wir könnten vielleicht mittags ein bißchen zusammen gehen und reden.« Christine sieht auf die Uhr. Es war 3/4 12 vorbei. »Noch nicht, aber gleich. Nur… nur glaube ich… es ist besser… Es ist besser, wir gehen nicht zusammen fort; du weißt ja nicht, wie das hier ist, wenn sie einen mit jemand sehen, gleich fragen sie mich, der Krämer, die Weiber und jeder und jeder, wer das war und mit wem ich hier bin; und lügen mag ich nicht gern. Es ist besser, du gehst voraus, da rechts entlang, den Pfarrweg, und du kannst es nicht verfehlen, bis dort, wo der Hügel beginnt. Dort geht ein Passionsweg hinauf, nein, du kannst es nicht verfehlen, zur Michaelskirche droben auf dem Berg. Und wo der Wald beginnt, steht ein großes Kruzifix, das siehst du gleich, wenn du aus dem Dorf herauskommst, davor stehen Bänke für Wallfahrer, dort warte auf mich. Mittags ist dort niemand, da sind sie alle beim Essen. Und dann, dort fällt es nicht auf, wenn ein Fremder dort ist, dort wartest du auf mich, nicht wahr, ich komme in fünf Minuten nach, und dann haben wir Zeit bis zwei Uhr.« »Gut«, sagt er. »Ich werde es schon finden, lebe wohl.« Er schließt halb hinter sich die Tür, der scharfe knappe Ton schlägt ihr durch und durch. Es muß etwas geschehen sein. Ohne Grund ist er nicht gekommen, er muß doch Dienst haben. Und dann – die Fahrt kostet doch Geld … Sechs Schilling und wieder zurück. Er muß einen Grund haben. Sie läßt die Glasscheibe herab, die Hände zittern ihr, kaum kann sie den Schlüssel umdrehen, um abzuschließen. Wie Blei sind ihr die Knie. »Na, wohin denn?« fragt sie die Huberbäuerin, die gerade vom Felde zurückkommt, als sie das Postfräulein ausnahmsweise um die Mittagszeit dem Wald zuwandern sieht. »Spazieren«, antwortet sie der Neugierigen. Für jeden Schritt muß man sich entschuldigen, in jeder Sekunde ist man überwacht. Immer hastiger geht sie in ihre Angst hinein, die letzten Schritte den Passionsweg hinauf läuft sie beinahe. Ferdinand sitzt auf einer steinernen Bank vor dem Kreuz. Der Schmerzensmann schwebt hoch in der Luft, die Arme verkrümmt von den eingetriebenen Nägeln, in tragischer Ergebenheit hängt der Kopf mit der Dornenkrone zur Seite herab. Der Schattenriß Ferdinands, der auf der Steinbank unterhalb des überlebensgroßen Kruzifixes sitzt, scheint zu diesem tragischen Bildwerke zu gehören. Sein Haupt ist düster zur Erde gebeugt und seine Gestalt gleich starr in einem fanatischen, konzentrierten Nachdenken. Seine Hand hat einen Stock tief in die Erde gebaut. Er hört zuerst nicht, wie sie kommt, dann zuckt er auf, zieht den Stock an sich, wendet sich um und sieht sie an, nicht neugierig, nicht freudig, nicht zärtlich. 174
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Rausch der Verwandlung
Title
Rausch der Verwandlung
Author
Stefan Zweig
Date
1982
Language
German
License
PD
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
204
Categories
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