Page - 176 - in Rausch der Verwandlung
Image of the Page - 176 -
Text of the Page - 176 -
»Was ich tun werde?« Er lacht wieder, dieses merkwürdige knappe Lachen.
»Nun, was man in solchen Fällen tut. Ich werde mein Bankkonto angreifen.
Ich werde von meinen ›Ersparnissen‹ leben. Ich weiß zwar noch nicht wie.
Dann nach sechs Wochen wird es ja wahrscheinlich erlaubt sein, die
segensreiche Institution unserer Republik in Anspruch zu nehmen, die man
Arbeitslosenunterstützung nennt. Davon werde ich versuchen zu leben, so wie
eben auch die andern dreihunderttausend in unserem gesegneten Donaustaat.
Und wenn der glorreiche Versuch mißlingt, so werde ich eben krepieren.«
»Unsinn.« Seine kalte Ruhe macht sie rasend. »Rede nicht solchen Unsinn.
Wie kann man das alles so schwernehmen. Ein Mensch wie du … du wirst
doch eine Anstellung finden, hundert für eine.«
Er fährt plötzlich auf und schlägt den Stock auf die Erde.
»Aber ich will keine Anstellung mehr! Ich habe genug! Das Wort macht
mich rasend, elf Jahre schon werde ich jetzt immer wieder und wieder
angestellt, immer an irgend etwas anderes heran und nie hinein, immer
nur dabei und nie darin. Vier Jahre war ich angestellt in der Mordfabrik, und
dann in andern Fabriken und andern Geschäften. Immer habe ich zugepackt
für einen fremden Willen, nie für den eigenen, und dann immer dieser Pfiff:
Hinaus! Genug! Anderswohin! Neu anfangen, immer und immer wieder von
Anfang an. Aber jetzt kann ich nicht mehr. Ich habe genug, ich will nicht
mehr.«
Christine macht eine Bewegung, ihn zu unterbrechen, aber er läßt sie nicht
zu Wort kommen.
»Ich kann nicht mehr, Christine, glaub es mir, ich hab’ genug, ich kann
nicht mehr, ich schwöre dir’s, ich kann nicht mehr. Lieber krepieren, als da
noch einmal hin ins Vermittlungsamt und wie ein Bettler in der Doppelreihe
stehen und warten, bis man einen Zettel bekommt und dann wieder einen
Zettel. Und dann laufen, stockauf und -ab und Briefe schreiben, auf die keiner
antwortet, und Offerten, die morgens der Straßenkehrer aus dem Mist
aufknüllt. Nein, ich ertrag’s nicht mehr, dieses hündische Dasein und
Dastehen im Vorzimmer und dann endlich Hineingelassenwerden zu
irgendeinem kleinen Beamten, der sich großtut und einen anschaut mit diesem
gelernten, kühlen, gleichgiltigen Lächeln, nur damit man sofort weiß, er kann
Hunderte haben und tut einem eine Gnade, wenn er einen nur anhört. Und
dann das Herzzucken zu spüren, jedesmal neu, wenn einer die Papiere
nachlässig durchblättert und die Zeugnisse ansieht, als ob er darauf spuckte,
und dann sagt: ›Ich werde Sie in Vormerkung nehmen, vielleicht schauen Sie
morgen wieder vorbei.‹ Und dann wieder morgen vergeblich und übermorgen,
bis man dann endlich irgendwo unterkommt, angestellt wird und wieder
weggestellt. Nein, ich ertrag’s nicht mehr. Ich habe viel vertragen, mit
176
back to the
book Rausch der Verwandlung"
Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik