Web-Books
in the Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Weiteres
Belletristik
Rausch der Verwandlung
Page - 177 -
  • User
  • Version
    • full version
    • text only version
  • Language
    • Deutsch - German
    • English

Page - 177 - in Rausch der Verwandlung

Image of the Page - 177 -

Image of the Page - 177 - in Rausch der Verwandlung

Text of the Page - 177 -

zerrissenen Schuhen und zerfetzten Sohlen bin ich sieben Stunden auf russischen Landstraßen marschiert, habe Schlammwasser gesoffen und drei Maschinengewehre auf dem Rücken getragen, Brot gebettelt in der Gefangenschaft und Menschen eingeschaufelt und mich prügeln lassen von einem betrunkenen Aufseher. Ich habe Stiefel geputzt für die ganze Kompanie und schweinische Fotografien verkauft, nur um noch Futter zu haben für drei Tage, alles habe ich getan und alles ertragen, weil ich geglaubt habe, einmal nimmt’s ein Ende, einmal kriegt man eine Anstellung, erklimmt die erste Stufe, die zweite hinauf. Aber immer stößt es einen wieder hinunter, jetzt bin ich so weit, daß ich eher jemand umbringen könnte, ihn niederschießen, als vor ihm betteln. Ich kann nicht mehr heute. Ich kann nicht mehr in Vorzimmern lungern und auf den Arbeitsämtern herumstehen. Ich bin heute dreißig Jahre, ich kann es nicht mehr.« Sie rührt ihn an. Unermeßliches Mitleid ist in ihr, und sie will es ihn nicht spüren lassen, aber er merkt es gar nicht, es ist, wie wenn ein Kind an einem Baum rüttelt, so starr bleibt er, so hölzern in sich verdrossen. »So, jetzt weißt du’s, aber hab keine Angst, ich bin nicht gekommen, dich anzujammern. Ich will kein Mitleid. Spare es für andere, denen hilft es vielleicht. Mir hilft es nicht mehr. Ich bin gekommen, um dir Adieu zu sagen. Es hat keinen Sinn mehr mit uns beiden. So weit darf es nicht kommen, daß ich dir in der Tasche liege, den Stolz habe ich noch. Lieber verhungern! Besser, man geht anständig auseinander und lädt nicht einer dem andern seinen Packen auf den Rücken. Das wollte ich dir sagen und noch für alles danken ..« »Aber Ferdinand.« Sie faßt ihn heftiger an. Sie hängt sich an ihn mit aller Gewalt, daß nun der Leib wirklich bebt: »Ferdinand, Ferdinand, Ferdinand«, sie weiß kein anderes Wort. Sie weiß nichts zu sagen als immer dieses Wort in ihrer sinnlosen, ratlosen Angst. »So sag doch ehrlich, hat’s denn einen Sinn? Tut es dir nicht selber weh, wenn wir so verschmutzt in den Straßen, in den Kaffeehäusern sitzen, und einer kann dem andern nicht helfen und lügt den andern an? Wie lange soll denn das noch dauern, worauf sollen wir warten? Ich bin jetzt dreißig und habe noch nichts je tun können von dem, was ich gewollt habe. Immer nur angestellt, weggestellt, und jeden Monat werde ich älter um ein Jahr. Ich habe nichts gesehen von der Welt, habe nichts vom Leben gehabt als nur das, daß ich immer geglaubt habe: jetzt kommt es endlich, jetzt fängt es an. Aber jetzt weiß ich schon, es kommt nichts mehr, es kommt nichts Gutes mehr. Ich bin fertig, ich komme nicht mehr auf. Und so einem soll man ausweichen … Ich weiß, es tut niemand gut, deine Schwester hat es gleich richtig gespürt und hat sich vor den Franzl gestellt, daß ich ihn nicht anfasse und mitreiße, und dich 177
back to the  book Rausch der Verwandlung"
Rausch der Verwandlung
Title
Rausch der Verwandlung
Author
Stefan Zweig
Date
1982
Language
German
License
PD
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
204
Categories
Weiteres Belletristik
Web-Books
Library
Privacy
Imprint
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Rausch der Verwandlung