Page - 178 - in Rausch der Verwandlung
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würde ich auch nur mitreißen. Es hat keinen Sinn. Machen wir wenigstens
anständig Schluß, wie zwei Kameraden.«
»Ja, aber … Was willst du tun?«
Er antwortet nicht. Er bleibt starr und stumm und wartet.
Da sieht sie hin und erschrickt. Er hat den Stock fest in die Faust
genommen und mit der Spitze ein kleines Loch vor sich hingegraben in die
Erde. Auf dieses Loch starrt er so, als wolle er sich mit dem ganzen Körper
hineinstürzen, als risse es ihn hinab. Plötzlich versteht Christine, plötzlich
wird ihr alles klar.
»Du willst doch nicht … «
»Ja«, antwortet er ruhig. »Ja, es ist das einzig Vernünftige, ich habe genug.
Ich habe nicht Lust, noch einmal anzufangen, aber Schluß zu machen, dazu
reicht es noch aus. Vier von uns haben es schon draußen getan. Es geht rasch
und ich habe dann ihre Gesichter gesehen, gut, zufrieden, klar. Es ist nicht
schwer. Es ist leichter, als so weiterzuleben!«
Sie hängt noch immer an ihm, so wie sie ihn gefaßt hat. aber plötzlich
werden ihre Arme lahm, sie läßt sie lose herunterfallen und sagt nichts.
»Verstehst du das nicht?« fragt er, den Blick ruhig aufhebend. »Du bist
doch sonst ehrlich zu mir?«
Sie denkt nach, dann sagt sie einfach: »Ich habe auch alle drei Tage das
gleiche gedacht. Nur getraut habe ich mich nicht, so klar zu denken. Du hast
recht, es hat keinen Sinn so weiter.«
Er blickt sie an, ungewiß, und es ist wie eine verzweifelte Lockung, wie er
fragt: »Du würdest auch … ?«
»Ja, mit dir.«
Ganz ruhig sagt sie es und entschlossen, als gelte es einen Spaziergang.
»Allein habe ich nicht den Mut, ich weiß nicht … ich habe noch nicht darüber
nachgedacht, wie man es tut, vielleicht hätte ich es sonst schon längst getan.«
»Du würdest … « Beglückt stammert er und nimmt ihre Hände.
»Ja«, sagt sie ganz ruhig, »wann du willst, aber zusammen. Es hat keinen
Sinn, dich mehr anzulügen. Die Versetzung nach Wien ist nicht bewilligt, und
da in dem Dorf gehe ich zugrunde. Besser schnell als langsam. Und nach
Amerika habe ich gar nicht geschrieben. Ich weiß, sie helfen mir nicht, sie
würden mir zehn Dollar schicken oder zwanzig Dollar – was hilft das? Lieber
rasch, als sich quälen, du hast recht!«
Er sieht sie lange an. Nie hat er sie so leidenschaftlich betrachtet. Sein
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik