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Rausch der Verwandlung
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Page - 179 - in Rausch der Verwandlung

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hartes Gesicht ist gelöst, und nach und nach kommt ein Lächeln hinter den verhärteten Augen heraus. Er streichelt ihr die Hände. »Daran hab’ ich gar nicht gedacht, daß du… daß du mich so weit begleiten willst. Jetzt ist mir doppelt so leicht, ich habe doch Sorge um dich gehabt.« Sie sitzen da, die Hände verschränkt. Würde jemand vorbeigehen, er würde meinen, ein neues Liebespaar, eben verbunden, eben verlobt, sei den kleinen Passionsweg hinaufgewandelt, um das Verlöbnis zu bekräftigen vor dem Kruzifix. Nie sind sie so sorglos, so sicher nebeneinander gesessen. Und erstmalig spüren sie Sicherheit einer an dem andern und in die Zukunft. Und sie sitzen lange und sehen sich an, zufrieden und klar und gut das Gesicht, mit verschmolzenen Händen, dann fragt sie ruhig: »Wie … wie willst du es tun?« Er greift in die rückwärtige Tasche und holt einen Armeerevolver heraus. Die Novembersonne springt auf den blanken Lauf und er leuchtet auf. Gar nicht schreckhaft scheint ihr die Waffe. »In die Schläfe«, sagt er. »Du mußt dich nicht fürchten, ich habe eine sichere Hand, ich werde nicht zittern… Und mir dann ins Herz. Es ist ein Armeerevolver schwersten Kalibers, man kann ganz sicher sein. Ehe sie im Dorfe die zwei Schüsse hören, ist alles vorbei. Du mußt keine Angst haben.« Sie sieht sich den Revolver an, ruhig, ohne Erregung, mit einer sachlichen Neugier. Dann sieht sie auf. Vor ihr, drei Meter vor der Steinbank, auf der sie sitzen, erhebt sich aus dunklem Holz riesig groß das Kruzifix mit dem Schmerzensmann, der drei Tage am Kreuz gelitten. »Nicht hier«, sagt sie hastig, »nicht hier und nicht jetzt. Denn … « Sie sieht ihn an, und ihre Hand faßt dabei wärmer als die seine, »ich möchte, daß wir zuvor noch einmal beisammen sind … wirklich beisammen, ohne Angst und ohne Grauen … Eine ganze Nacht … vielleicht hat man sich noch manches zu sagen … so dieses Letzte, das man sich sonst im Leben nie sagt … Und dann … ich möchte einmal mit dir sein, ganz mit dir sein eine Nacht… Am Morgen sollen sie uns dann finden.« »Ja«, antwortet er. »Du hast recht, man soll noch das Beste vom Leben nehmen, ehe man es wegwirft. Verzeih mir, daß ich nicht daran gedacht habe.« Sie sitzen wieder stumm, und um sie ist ein leise streichender Wind. Sie spüren die Sonne weich, gut und lau. Es ist schön, dazusitzen. Einmal froh und auf wunderbare Weise sorglos. Da schlägt es drüben an, einmal, zweimal, dreimal, die Glocke vom Turm. Sie schrickt auf. »Dreiviertel zwei!« Ein helles Lachen hellt ihm das Antlitz auf. »Siehst du, so sind wir. Du bist tapfer und hast keine Angst zu sterben. Aber ins Amt zu spät zu kommen, 179
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Rausch der Verwandlung
Title
Rausch der Verwandlung
Author
Stefan Zweig
Date
1982
Language
German
License
PD
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
204
Categories
Weiteres Belletristik
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