Web-Books
in the Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Weiteres
Belletristik
Rausch der Verwandlung
Page - 181 -
  • User
  • Version
    • full version
    • text only version
  • Language
    • Deutsch - German
    • English

Page - 181 - in Rausch der Verwandlung

Image of the Page - 181 -

Image of the Page - 181 - in Rausch der Verwandlung

Text of the Page - 181 -

die Fleischersfrau, sollen alle eine angenehme Erinnerung an sie haben: es ist die letzte kleine weibliche Eitelkeit. Leicht muß sie lächeln, wenn einer sagt: »Auf Wiedersehen«, und sie antwortet dann doppelt herzlich: »Auf Wiedersehen!«, weil in ihr schon alles andere Luft atmet, die, erlöst zu sein. Dann nimmt sie die unaufgearbeiteten Rückstände, zählt, rechnet, ordnet: nie ist ihr Pult so sauber geordnet, selbst die Tintenflecke putzt sie weg und den Kalender hängt sie gerade – die Nachfolgerin soll sich nicht zu beklagen haben. Niemand soll sich zu beklagen haben, nun da sie froh ist. Wie sie jetzt Ordnung in ihrem Leben macht, soll auch hier alles in Ordnung sein. So freudig arbeitet sie, so flink und emsig richtet sie alles zurecht, daß sie die Zeit nicht spürt und wirklich überrascht ist, als die Tür geht. »Ist es wirklich schon sechs Uhr? Mein Gott, ich habe es gar nicht bemerkt. Zehn Minuten noch, zwanzig Minuten und ich bin mit allem fertig, ich möchte gern, du verstehst, alles tadellos zurücklassen. Nur den Abschluß muß ich noch machen und dann die Kasse, dann gehöre ich dir.« Er will draußen warten. »Aber nein, setze dich nur herein, ich laß draußen die Rolläden hernieder, und wenn sie uns auch zusammen dann fortgehen sehen, jetzt ist es schon gleichgiltig, morgen wissen sie ohnehin schon mehr.« »Morgen«, lächelt er. »Ich freue mich, daß es kein Morgen mehr gibt. Wenigstens für uns nicht. Wunderbar war dieser Spaziergang, der Himmel, die Farben, der Wald; hm, er war doch ein ganz guter Architekt, der liebe alte Gott, etwas unmodern, aber doch besser als ich je einer geworden wäre.« Sie führt ihn in den geheiligten Raum hinter der Glasscheibe, den nie sonst ein Fremder betritt. »Ich habe keinen Sessel dir anzubieten, so splendid ist unsere Republik nicht, aber setz dich aufs Fensterbrett und rauche eine Zigarette, in zehn Minuten bin ich fertig« – sie atmet wie befreit –, »mit allem fertig.« Sie addiert Kolonnen um Kolonnen. Es geht leicht und flink. Dann holt sie zum Vergleich aus der Kasse die schwarze Tasche, ähnlich einem Dudelsack, und vergleicht. Sie stapelt die Noten auf, am Schreibtisch nebeneinander, die Fünfer, Zehner, die Hunderter und die Tausender, feuchtet den Finger am Schwamm und zählt mit eingelernter Hurtigkeit die blauen Blätter mit dem nassen Zeigefinger. Es geht schnell und mechanisch, zehn, zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig, dazwischen notiert sie rasch mit dem Bleistift immer die Gesamtzahl der einzelnen Banknotensorte, ungeduldig schon, die Zahl in den Büchern, den Barbestand zu vergleichen und dann den Strich zu ziehen, jenen letzten, befreienden Bleistiftstrich. Plötzlich hört sie jemand atmen neben sich, stark und gepreßt, sie sieht empor. Ferdinand muß leise aufgestanden und durch das Zimmer gegangen 181
back to the  book Rausch der Verwandlung"
Rausch der Verwandlung
Title
Rausch der Verwandlung
Author
Stefan Zweig
Date
1982
Language
German
License
PD
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
204
Categories
Weiteres Belletristik
Web-Books
Library
Privacy
Imprint
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Rausch der Verwandlung