Page - 183 - in Rausch der Verwandlung
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angenagelt sein. Ein Griff, so nur, diese fünf Muskeln spannen und fort und
frei – nein, ich hätte es nicht ertragen können, ich wäre wahnsinnig geworden
davon, es anzuschauen, es so nahe zu haben, es zu riechen, zu spüren und zu
wissen, es gehört diesem sinnlosen Popanz, dem Staat, ihm, der nicht atmet
und nicht lebt und nichts will und nichts weiß, dieser stupidesten Erfindung
der Menschheit, die den Menschen zermalmt. Wahnsinnig wäre ich
geworden … Ich hätte mich eingesperrt in der Nacht, nur damit ich nicht den
Schlüssel nehme und die Lade aufsperre, und du konntest damit leben! Hast
du noch niemals daran gedacht?«
»Nein«, sagt sie ganz erschrocken. »Daran habe ich niemals gedacht.«
»Da hat eben der Staat Glück gehabt. Schurken haben immer Glück. Aber
mach dich fertig jetzt« – er sagt es beinahe zornig–, »mach fertig, tu schon
weg das Geld. Ich kann es nicht mehr sehen.«
Sie verschließt rasch die Lade. Jetzt zittern ihr mit einmal die Finger. Dann
gehen sie hinaus in der Richtung zur Bahn. Es ist schon dunkel, man sieht in
die erleuchteten Fenster hinein, die Leute sitzen beim Abendessen, und wie
sie an dem einen letzten vorübergehen, rollt ein leises, rhythmisches Murmeln
heraus: das Abendgebet. Er spricht nicht, sie spricht nicht, als wären sie nicht
allein. Der Gedanke geht mit ihnen wie ein Schatten. Sie spüren ihn vor sich
und hinter sich, in sich und, wie sie jetzt vom Dorfe wegbiegend, die Straße
verlassen und unwillkürlich rascher gehen, geht er mit.
Hinter den letzten Häusern stehen sie plötzlich in vollkommener Nacht.
Der Himmel ist heller als die Erde, in sein gläsernes helles Licht schneidet
sich die Allee in schwarzer Silhouette ein. Wie verbrannte Finger greifen,
schwarze Skelette, die entlaubten Äste in die reglose Luft. Auf der Straße
kommen und gehen einzelne Bauern und Gefährte, man hört sie mehr, als
man sie sieht, das Rollen der schweren Wagen, Schritte im Dunkel – man ist
nicht allein.
»Gibt es hier nicht einen Feldweg zum Bahnhof? Irgendeinen Weg, wo
man niemanden trifft?«
»Ja«, antwortet Christine, »hier rechts.« Ihr ist wohl, daß er gesprochen hat,
so muß sie eine Minute den Gedanken nicht denken, der sie verfolgt, vom
Postamt her, unhörbar und zäh, Schritt für Schritt, der gefährliche Schatten.
Er geht eine Zeitlang schweigsam neben ihr, als habe er sie vergessen.
Nicht einmal seine Hand berührt ihre Hand. Plötzlich – es fällt wie ein Stein
aus seiner Stummheit – fragt er: »Du meinst, daß du dreißigtausend am Ende
des Monats beisammen haben könntest?«
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik