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Rausch der Verwandlung
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sie nach einer Stunde verpulvert und nicht weiß, wozu und warum er es getan hat. Zu solchen Experimenten sind wir zu alt. Wir haben nur zwei Karten mehr in der Hand, die eine oder die andere. Eine solche Entscheidung will überlegt sein.« Er geht wieder weiter, um sich Luft zu machen. Sie spürt, wie konzentriert sein ganzes Denken arbeitet, und gleichzeitig ergreift sie ein Schauer, wie ruhig und logisch er redet. Nie hat sie seine Überlegenheit so stark, ihre eigene Hingegebenheit so mächtig gefühlt. »Also ganz langsam, Christine, Schritt für Schritt. Keine Sprünge bei einem solchen Entschluß. Nur keine falschen Hoffnungen und Phantastereien. Überlegen wir. Wenn wir heute Schluß machen, sind wir alles los. Ein Ruck und das Leben ist hinter uns – eigentlich ein wunderbarer Gedanke, immer erinnere ich mich an unseren Lehrer im Gymnasium, wie er dozierte, es sei die einzige Überlegenheit des Menschen über das Tier, daß er auch sterben kann, wann er will, nicht nur wenn er muß. Es ist vielleicht das einzige Stück Freiheit, das man sein ganzes Leben lang ununterbrochen besitzt, die Freiheit, das Leben wegzuwerfen. Aber wir beide, wir sind eigentlich noch jung, wir wissen noch gar nicht, was wir wegwerfen. Wir werfen eigentlich nur ein Leben weg, das wir nicht gewollt haben, das wir verneinen, und vielleicht ist doch noch eines denkbar, zu dem wir Ja sagen könnten. Mit Geld ist das Leben anders, ich glaube es wenigstens, und du glaubst es auch. Sobald wir aber noch irgend etwas glauben – nicht wahr, du verstehst mich? –, so ist dieses Nein zum Leben eigentlich nicht ganz wahr, und wir zerstören etwas, wozu wir gar kein Recht haben, nämlich das noch nicht gelebte Leben in uns, eine neue und vielleicht großartige Möglichkeit. Vielleicht könnte wirklich mit der Handvoll Geld noch etwas aus mir werden, etwas, das in mir da ist und noch nicht da ist und doch da ist, etwas das so nur nicht heraus kann, das zugrunde geht wie der Halm, den ich da abreiße, aber eben weil ich ihn abreiße. Etwas, das in mir noch gewachsen wäre, und du? – Du könntest vielleicht noch Kinder haben, du könntest… Man weiß es ja nicht … Und eben daß man es nicht weiß, ist das Wunderbare … Nicht wahr, du verstehst mich, ich meine … eine Art Leben, wie das hinter uns liegt, das war nicht wert, daß man es fortsetzte, eine solche klägliche Fretterei von Woche zu Woche, von Urlaub zu Urlaub. Aber vielleicht, vielleicht könnte man noch irgend etwas daraus machen, nur Mut gehört dazu, mehr Mut als zum andern. Und schließlich, wenn es schiefgeht, einen Revolver bekommt man noch immer zu kaufen. Meinst du also nicht, man sollte … man sollte, wenn einem das Geld so geradezu in die Hand gesteckt wird, es einfach nehmen?« »Ja, aber … Aber wohin sollte man mit dem Geld?« »Ins Ausland. Ich kann Sprachen, ich kann französisch, sehr gut sogar, ich 186
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Rausch der Verwandlung
Title
Rausch der Verwandlung
Author
Stefan Zweig
Date
1982
Language
German
License
PD
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
204
Categories
Weiteres Belletristik
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