Page - 188 - in Rausch der Verwandlung
Image of the Page - 188 -
Text of the Page - 188 -
Chef wird’s nicht merken, alle glauben sie an ein Wunder. Aber ich glaube an
kein Wunder, ich weiß, daß wir zwei da ganz allein sind, ganz allein
einer ungeheuren Organisation gegenüberstehen, die seit Jahrhunderten
aufgebaut ist und die Intelligenz, die Erfahrung von Tausenden einzelnen
Spürhunden in sich birgt, ich weiß, der einzelne Detektiv ist ein Dummkopf
und ich bin hundertmal klüger und gerissener als er, aber sie haben die
Erfahrung, das System. Wenn wir – du siehst, ich sage noch ›wenn‹ – uns
wirklich entschließen, diesen Coup zu wagen, so denke ich nicht an eine
leichtsinnige Kinderei. Was man rasch macht, macht man falsch. So ein Plan
muß durchdacht sein bis ins kleinste, jede Möglichkeit errechnet. Es ist eine
Wahrscheinlichkeitsrechnung. Laß uns alles durchdenken, konzentriert und
genau, und komme dann Sonntag nach Wien, dann wollen wir uns
entscheiden, nicht heute.«
Er bleibt stehen. Mit einmal wird seine Stimme wieder hell. Es ist die
andere, die verschüttete Kinderstimme in ihm, die sie so liebt.
»Ist es nicht sonderbar, heute nachmittag, als du in dein Amt gingst, bin ich
noch spazierengegangen. Ich habe mir noch einmal die Welt angesehen und
dachte, es sei das letztemal. Sie war da, schön und hell, voll des warmen
sonnigen Lebens, und ich war da, ziemlich jung und frisch noch und lebendig.
Da habe ich es alles zusammengerechnet und mich gefragt, was habe ich
eigentlich in dieser Welt getan, und die Antwort war bitter. Es ist traurig, daß
ich eigentlich für mich gar nichts getan und gedacht habe. In der Schule habe
ich gedacht und gelernt, was die Lehrer wollten. Im Krieg habe ich die Griffe
und Schritte gemacht, die man mir kommandierte, in der Gefangenschaft hat
man nur wild geträumt: einmal heraus! und ist müde geworden vor lauter
Untätigkeit, und dann nachher habe ich immer nur für andere geschuftet,
sinnlos, zwecklos, nur für das bißchen Futter und daß man die Luft bezahlen
kann, die man in die Nase zieht. Jetzt werde ich zum erstenmal drei Tage, bis
Sonntag, an etwas denken, was mich allein angeht, mich und dich; eigentlich
freue ich mich darauf. Weißt du, ich möchte, daß wir es so konstruieren, wie
man eine Brücke baut, wo jeder Nagel und jede Schraube an ihrem Platz sein
muß, und ein Millimeter, falsch gestellt, die ganzen Gesetze der Statik
zuschanden macht. Ich möchte diese Sache so bauen, daß sie hält für Jahre.
Ich weiß, es ist eine große Verantwortung, aber zum erstenmal Verantwortung
für mich und für dich, nicht diese kleine dreckige Verantwortung wie beim
Militär oder in diesen Betrieben, wo man doch nur eine Null ist, angehängt
einem Nenner, den man selber nicht kennt. Ob wir es tun oder nicht, das wird
sich entscheiden, aber schon eine Idee ausdenken, durchdenken, bis in die
letzte Weiterung durchrechnen und kombinieren, das ist eine Freude, auf die
ich gar nicht mehr gerechnet habe. Es war doch gut, daß ich heute zu dir
gekommen bin.«
188
back to the
book Rausch der Verwandlung"
Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik