Page - 189 - in Rausch der Verwandlung
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Der Bahnhof ist ganz nahe, man unterscheidet schon die einzelnen Lichter.
Sie bleiben stehen.
»Es ist besser, du begleitest mich nicht. Vor einer halben Stunde war es
noch gleichgiltig, ob man uns zusammen sah. Jetzt darf dich niemand mit mir
sehen, das gehört schon« – er lacht – »zu unserem großen Plan. Niemand darf
vermuten, daĂź du einen Helfer hast und eine Beschreibung meiner Person
wäre nicht förderlich. Ja, Christine, jetzt müssen wir anfangen, an alles zu
denken, das wird nicht leicht sein, ich habe es dir gleich gesagt, das andere
wäre leichter gewesen. Aber anderseits habe ich, haben wir noch nie das
gekannt, was man wirklich Sein nennt. Ich habe nie das Meer gesehen, bin nie
im Ausland gewesen. Ich habe nie gekannt, was das Leben ist, wenn man
nicht unablässig denken muß bei jedem Ding, was es kostet, wir sind nie frei
gewesen. Vielleicht weiĂź man erst dann, was diese Sache wert ist, die man
Leben nennt. Warte es ruhig ab, quäl dich nicht, ich will alles ausarbeiten bis
ins kleinste, schriftlich sogar, und dann gehen wir es zusammen durch, Punkt
für Punkt, dann wägen wir’s ab, Möglichkeit gegen Unmöglichkeit. Und dann
wollen wir uns entscheiden. Willst du?«
»Ja«, sagt sie stark und fest.
Die Tage bis zum Sonntag sind unerträglich für Christine. Sie hat zum
erstenmal Furcht vor sich selbst, Furcht vor den Menschen, Furcht vor den
Dingen. Die kleine Kasse morgens aufzusperren, Banknoten anzufassen, wird
ihr zur Qual. Gehören sie ihr, gehören sie dem Staat? Sind sie noch alle da?
Und immer und immer wieder zählt sie die blauen Blätter und kommt nie zu
einem Ende. Entweder zittert ihr die Hand oder sie verliert beim Addieren die
Zahl. Alle Sicherheit ist von ihr gefallen und mit ihr alle Unbefangenheit. Ein
unsicheres GefĂĽhl im UnterbewuĂźtsein macht sie wirr: Sie bildet sich ein, alle
Menschen mĂĽssen ihre Absicht merken, alle ihre Bedenken mitdenken, alle
sie beobachten und belauern. Vergeblich sagt sie sich mit klarer Vernunft: es
ist doch Irrsinn. Ich habe doch nichts getan. Wir haben doch nichts getan.
Alles ist in Ordnung, jede Note liegt noch im Schrank, die Rechnung stimmt
Ziffer für Ziffer, ich kann jeder Kontrolle standhalten. Aber doch, sie erträgt
keinen Blick, und wenn das Telefon anklingelt, zuckt sie zusammen und ihre
Gelenke benötigen die ganze Kraft, um den Hörer bis ans Ohr zu heben. Und
als Freitag morgen schweren Schritts, mit klirrendem Bajonett der Gendarm
plötzlich eintritt, wird es ihr blau vor den Augen, mit beiden Händen
klammert sie sich an den Tisch, als wolle sie sich nicht wegreiĂźen lassen, aber
der Gendarm, die Virginia quer im Munde, will nur eine Postanweisung
aufgeben an ein Mädel, von dem er ein uneheliches Kind hat, die
Monatsalimentation, und er spaĂźt gutmĂĽtig bitter ĂĽber diese langfristige
Schuld fĂĽr ein so kurzes VergnĂĽgen. Aber sie kann nicht lachen, die Schrift ist
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik