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Rausch der Verwandlung
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zittrig auf der Anweisung, mit der sie die Zahlung bestätigt. Sie kann erst wieder atmen, als die Tür hinter ihm zukracht und sie mit einem Ruck aus der Lade sich überzeugt hat, daß das Geld noch da ist, 32712 Schilling und 40 Groschen, genau wie auf dem Rechnungsblatt. In der Nacht kann sie nicht schlafen, und wenn sie schläft, sind die Träume fürchterlich, denn der Gedanke ist immer grauenhafter als die Tat, das Ungeschehene erregender als das Geschehene. Am Sonntagmorgen erwartet sie Ferdinand an der Bahn. Er sieht sie prüfend an. »Du Arme! Wie du schlecht aussiehst, ganz verquält. Du hast Angst gehabt, nicht wahr, ich habe es gleich gefürchtet. Es war vielleicht ein Fehler, daß ich es dir vorher sagte. Aber es ist bald vorbei, heute können wir alles entscheiden, ob ja oder nein!« Sie blickt ihn an von der Seite. Er hat helle Augen, merkwürdig frische Bewegungen, ihre ganze Schwere scheint sonderbar entspannt. Er merkt den Blick. »Ja, es geht mir gut. Seit Wochen und Monaten habe ich mich nicht so wohl gefühlt als in den drei Tagen, jetzt weiß ich eigentlich erst, wie herrlich es ist, einmal etwas für sich allein durchdenken zu können, nur für sich und ganz allein … Nicht nur immer ein kleines Stück an einem Ganzen zu tun, an etwas, das einen gar nichts angeht, sondern von Grund auf bis zum First etwas aufzubauen, nur für sich. Ein Luftschloß meinetwegen, und vielleicht bricht es schon in einer Stunde. Vielleicht bläst du es um mit einem Wort, vielleicht hauen wir es selber zusammen. Aber immerhin, es war einmal Arbeit für mich und hat mir Spaß gemacht. Es war verflucht lustig, es einmal durchzudenken bis in die letzte Möglichkeit hinein, so einen Feldzugsplan auszuarbeiten gegen alle die Armeen, Staat, Polizei, Zeitung, gegen alle die Mächte der Erde, einmal seine Gedanken manövrieren zu lassen, und jetzt habe ich eigentlich Lust auf den wirklichen Krieg. Höchstens wird man besiegt, und das sind wir reichlich schon lange. Nun, du wirst gleich alles sehen!« Sie verlassen den Bahnhof. Nebel umhüllt die Häuser mit grauem Frost, mit erloschenen Mienen stehen die Träger und Dienstmänner und warten. Alles atmet Nässe, und vor den Lippen verwandelt die feuchte Kälte jedes Wort in einen leichten Rauch. Die Welt ist ohne Wärme. Er faßt ihren Arm, um sie zwischen den Automobilen durch über die Straße zu geleiten, und spürt, wie sie unter der Berührung nervös zusammenschreckt. »Was hast du, was ist dir?« »Nichts«, sagt sie. »Ich bin nur so verschreckt alle diese Tage. Bei jedem, der mich anruft, glaube ich, er beobachtet mich. Von jedem glaube ich, daß er 190
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Rausch der Verwandlung
Title
Rausch der Verwandlung
Author
Stefan Zweig
Date
1982
Language
German
License
PD
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
204
Categories
Weiteres Belletristik
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