Page - 190 - in Rausch der Verwandlung
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zittrig auf der Anweisung, mit der sie die Zahlung bestätigt. Sie kann erst
wieder atmen, als die Tür hinter ihm zukracht und sie mit einem Ruck aus der
Lade sich überzeugt hat, daß das Geld noch da ist, 32712 Schilling und 40
Groschen, genau wie auf dem Rechnungsblatt. In der Nacht kann sie nicht
schlafen, und wenn sie schläft, sind die Träume fürchterlich, denn der
Gedanke ist immer grauenhafter als die Tat, das Ungeschehene erregender als
das Geschehene.
Am Sonntagmorgen erwartet sie Ferdinand an der Bahn. Er sieht sie
prüfend an. »Du Arme! Wie du schlecht aussiehst, ganz verquält. Du hast
Angst gehabt, nicht wahr, ich habe es gleich gefürchtet. Es war vielleicht ein
Fehler, daß ich es dir vorher sagte. Aber es ist bald vorbei, heute können wir
alles entscheiden, ob ja oder nein!«
Sie blickt ihn an von der Seite. Er hat helle Augen, merkwürdig frische
Bewegungen, ihre ganze Schwere scheint sonderbar entspannt. Er merkt den
Blick.
»Ja, es geht mir gut. Seit Wochen und Monaten habe ich mich nicht so
wohl gefühlt als in den drei Tagen, jetzt weiß ich eigentlich erst, wie herrlich
es ist, einmal etwas für sich allein durchdenken zu können, nur für sich und
ganz allein … Nicht nur immer ein kleines Stück an einem Ganzen zu tun, an
etwas, das einen gar nichts angeht, sondern von Grund auf bis zum First etwas
aufzubauen, nur für sich. Ein Luftschloß meinetwegen, und vielleicht bricht
es schon in einer Stunde. Vielleicht bläst du es um mit einem Wort, vielleicht
hauen wir es selber zusammen. Aber immerhin, es war einmal Arbeit für
mich und hat mir Spaß gemacht. Es war verflucht lustig, es einmal
durchzudenken bis in die letzte Möglichkeit hinein, so einen Feldzugsplan
auszuarbeiten gegen alle die Armeen, Staat, Polizei, Zeitung, gegen alle die
Mächte der Erde, einmal seine Gedanken manövrieren zu lassen, und jetzt
habe ich eigentlich Lust auf den wirklichen Krieg. Höchstens wird man
besiegt, und das sind wir reichlich schon lange. Nun, du wirst gleich alles
sehen!«
Sie verlassen den Bahnhof. Nebel umhüllt die Häuser mit grauem Frost,
mit erloschenen Mienen stehen die Träger und Dienstmänner und warten.
Alles atmet Nässe, und vor den Lippen verwandelt die feuchte Kälte jedes
Wort in einen leichten Rauch. Die Welt ist ohne Wärme. Er faßt ihren Arm,
um sie zwischen den Automobilen durch über die Straße zu geleiten, und
spürt, wie sie unter der Berührung nervös zusammenschreckt.
»Was hast du, was ist dir?«
»Nichts«, sagt sie. »Ich bin nur so verschreckt alle diese Tage. Bei jedem,
der mich anruft, glaube ich, er beobachtet mich. Von jedem glaube ich, daß er
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik