Page - 191 - in Rausch der Verwandlung
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an das denkt, woran ich selber denke. Ich weiß ja, es ist eine dumme Angst,
aber mir ist, als könnte mir’s jeder von der Stirn absehen, als müßten die
Leute im Dorf schon alles wissen und wittern. Wie mich der Forstadjunkt in
der Bahn gefragt hat ›Was machen’s denn in Wien?‹, bin ich so rot geworden,
daß er angefangen hat zu lachen, und dann war ich froh. Besser er denkt das
als das andere. Aber sag mir, Ferdinand« – und sie preßt sich plötzlich an ihn
–, »das wird doch nicht immer so sein, wenn wir… wenn wir das wirklich
tun? Denn dazu, das spüre ich jetzt, hätte ich nicht die Kraft. Das könnte ich
nicht durchhalten, so immer in Angst zu leben, sich vor jedem Menschen zu
fürchten und nicht schlafen zu können, nicht schlafen aus Furcht, es klopft an
die Tür. Nicht wahr, das wird nicht immer so sein?«
»Nein«, antwortet er, »ich glaube nicht. Das ist nur hier, wo du als die
lebst, die du gewesen bist. Bist du einmal draußen in andern Kleidern mit
einem andern Namen, in einer andern Welt, so vergißt du die von hier in dir. –
Du hast es mir ja selbst erzählt, wie du schon einmal völlig eine andere warst.
Gefährlich wäre nur eines, wenn du das, was wir tun wollen, mit schlechtem
Gewissen tust. Wenn du das Gefühl hast, ein Unrecht zu begehen, wenn wir
diesen Hauptstehler, den Staat, bestehlen, dann steht es freilich schlecht, dann
lasse ich die Hände davon. Was mich betrifft, ich fühle mich vollkommen im
Recht. Ich weiß, mir ist Unrecht getan worden, hier wage ich meine Haut in
eigener Sache und nicht im Krieg für eine verstorbene Idee, für den
habsburgischen Hausgedanken oder für ein Mitropa oder sonst eine politische
Konstruktion, die mich nichts angeht. Aber wie gesagt, es ist noch nichts
entschieden, wir spielen doch erst mit dem Gedanken, wie man so sagt, und
beim Spielen soll man froh sein. Kopf hoch, ich weiß doch, daß du tapfer sein
kannst.«
Sie atmet tief. »Ich glaube, daß ich einiges durchhalten kann, du hast recht,
und dann, ich weiß, wir haben nichts zu verlieren. Ich habe schon manches
durchgehalten, aber nur das ist so schwer, das Unsichersein. Wenn es einmal
getan ist, kannst du dich wieder auf mich verlassen.«
Sie gehen weiter. »Wohin gehen wir?« fragt sie.
Er lächelt. »Sonderbar, die ganze Sache hat mir gar keine Mühe gemacht,
es war geradezu ein Spaß für mich, alle die Möglichkeiten durchzudenken,
wie wir uns flüchten und verstecken und sicherstellen, und ich glaube
wirklich, ich habe jede Einzelheit ausgeknobelt, ich kann ruhig sagen: es
stimmt, es klappt. Ich habe alles berechnet, alles war so kinderleicht
einzuteilen, wie wir leben und uns verteidigen, wenn wir einmal Geld haben,
nur eines konnte ich nicht – den Ort, die vier Wände, das Zimmer bestimmen,
wo wir jetzt ruhig die ganze Sache durchsprechen können. Ich habe wieder
gesehen, daß es leichter ist, mit Geld zehn Jahre zu leben als ohne Geld einen
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik