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Rausch der Verwandlung
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an das denkt, woran ich selber denke. Ich weiß ja, es ist eine dumme Angst, aber mir ist, als könnte mir’s jeder von der Stirn absehen, als müßten die Leute im Dorf schon alles wissen und wittern. Wie mich der Forstadjunkt in der Bahn gefragt hat ›Was machen’s denn in Wien?‹, bin ich so rot geworden, daß er angefangen hat zu lachen, und dann war ich froh. Besser er denkt das als das andere. Aber sag mir, Ferdinand« – und sie preßt sich plötzlich an ihn –, »das wird doch nicht immer so sein, wenn wir… wenn wir das wirklich tun? Denn dazu, das spüre ich jetzt, hätte ich nicht die Kraft. Das könnte ich nicht durchhalten, so immer in Angst zu leben, sich vor jedem Menschen zu fürchten und nicht schlafen zu können, nicht schlafen aus Furcht, es klopft an die Tür. Nicht wahr, das wird nicht immer so sein?« »Nein«, antwortet er, »ich glaube nicht. Das ist nur hier, wo du als die lebst, die du gewesen bist. Bist du einmal draußen in andern Kleidern mit einem andern Namen, in einer andern Welt, so vergißt du die von hier in dir. – Du hast es mir ja selbst erzählt, wie du schon einmal völlig eine andere warst. Gefährlich wäre nur eines, wenn du das, was wir tun wollen, mit schlechtem Gewissen tust. Wenn du das Gefühl hast, ein Unrecht zu begehen, wenn wir diesen Hauptstehler, den Staat, bestehlen, dann steht es freilich schlecht, dann lasse ich die Hände davon. Was mich betrifft, ich fühle mich vollkommen im Recht. Ich weiß, mir ist Unrecht getan worden, hier wage ich meine Haut in eigener Sache und nicht im Krieg für eine verstorbene Idee, für den habsburgischen Hausgedanken oder für ein Mitropa oder sonst eine politische Konstruktion, die mich nichts angeht. Aber wie gesagt, es ist noch nichts entschieden, wir spielen doch erst mit dem Gedanken, wie man so sagt, und beim Spielen soll man froh sein. Kopf hoch, ich weiß doch, daß du tapfer sein kannst.« Sie atmet tief. »Ich glaube, daß ich einiges durchhalten kann, du hast recht, und dann, ich weiß, wir haben nichts zu verlieren. Ich habe schon manches durchgehalten, aber nur das ist so schwer, das Unsichersein. Wenn es einmal getan ist, kannst du dich wieder auf mich verlassen.« Sie gehen weiter. »Wohin gehen wir?« fragt sie. Er lächelt. »Sonderbar, die ganze Sache hat mir gar keine Mühe gemacht, es war geradezu ein Spaß für mich, alle die Möglichkeiten durchzudenken, wie wir uns flüchten und verstecken und sicherstellen, und ich glaube wirklich, ich habe jede Einzelheit ausgeknobelt, ich kann ruhig sagen: es stimmt, es klappt. Ich habe alles berechnet, alles war so kinderleicht einzuteilen, wie wir leben und uns verteidigen, wenn wir einmal Geld haben, nur eines konnte ich nicht – den Ort, die vier Wände, das Zimmer bestimmen, wo wir jetzt ruhig die ganze Sache durchsprechen können. Ich habe wieder gesehen, daß es leichter ist, mit Geld zehn Jahre zu leben als ohne Geld einen 191
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Rausch der Verwandlung
Title
Rausch der Verwandlung
Author
Stefan Zweig
Date
1982
Language
German
License
PD
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
204
Categories
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