Page - 192 - in Rausch der Verwandlung
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einzigen Tag, wirklich Christine« – er lächelt sie beinahe stolz an –, »es war
schwerer, diese vier Wände für uns ausfindig zu machen, wo uns niemand
hört und sieht, als unser ganzes Abenteuer. Ich habe mir alle Möglichkeiten
durchdacht. Aufs Land hinauszufahren, ist es zu kalt, in einem Hotel kann uns
jemand hören von nebenan, und dann, ich weiß, du wirst doch unruhig und
verstört, und wir brauchen Klarheit. In einem Gasthaus, gerade wenn’s leer
ist, beobachten einen die Kellner, im Freien fällt man auf, wenn man bei
dieser Kälte irgendwo sitzt, ja, Christine man sollte nicht glauben, wie schwer
es ist, wenn man kein Geld hat, in einer Millionenstadt wirklich allein zu sein.
Ich habe die tollsten Möglichkeiten ausgedacht – ja wirklich, ich habe sogar
daran gedacht, ob wir nicht auf den Stephansturm steigen sollten. Dort geht
bei solchem Nebelwetter kein Mensch hinauf, aber ich finde es zu absurd.
Schließlich habe ich mich herangemacht an den Bauwächter, der an unserem
verkrachten Bau Dienst hat. Es ist eine Holzhütte mit einem eisernen Ofen,
einem Tisch und, ich glaube, nur einem Sessel, eine Baracke. Ich kenne den
Mann gut, ich habe ihm ein Langes und Breites vorgeschwafelt von einer
polnischen vornehmen Dame, die ich vom Krieg her kenne und die mit ihrem
Mann im Sacher wohnt und zu nobel ist und zu bekannt, als daß sie sich mit
mir auf der Straße zeigen kann. Du kannst dir denken, wie der dumme Kerl
gestaunt hat, und selbstverständlich machte er sich eine große Ehre daraus,
mir zu dienen. Wir kennen uns lange, und ich habe ihm zweimal aus der
Patsche geholfen. Der legt mir den Schlüssel an einer bestimmten Stelle unter
den Balken und hinterläßt mir seine Legitimation, damit wir selbst im
äußersten Fall gesichert sind, und den Ofen, hat er mir versprochen, in der
Früh noch anzuzünden. Dort sind wir allein, es wird nicht bequem sein, aber
es geht ja um ein besseres Leben, und so werden wir auf zwei Stunden
zusammen in diese Hundehütte kriechen. Dort hört uns niemand, dort sieht
uns niemand. Dort können wir uns in Ruhe entscheiden.« Der Bauplatz, weit
draußen in Floridsdorf, liegt eingeplankt und leer, mit hundert blinden,
fensterlosen Augen steht der Rohbau in sinnloser Verlassenheit. Teerfässer,
Karren, Zementhaufen und gehäufte Ziegel lagern in wilder Unordnung auf
dem durchweichten Grund, es ist, als hätte irgendein katastrophales
Naturereignis das schaffende Getümmel unterbrochen, und die Stille ist
unnatürlich für einen Werkplatz. Der Schlüssel liegt unter der Planke, der
nasse Nebel deckt vor jeder Sicht. Er schließt die kleine Holzhütte auf, und
tatsächlich, der Ofen brennt, es ist weich und warm und riecht nach gutem
Holz. Ferdinand schließt die Tür hinter sich zu und wirft noch ein paar Stücke
Holz in den Ofen. »Wenn jemand kommen sollte, so werfe ich rasch die
ganzen Papiere in den Ofen, es kann nichts geschehen, habe keine Angst, und
überdies, niemand kann kommen, niemand kann uns hören, wir sind allein.«
Christine steht fremd in dem Raum, alles scheint ihr phantastisch, nur das
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik