Page - 193 - in Rausch der Verwandlung
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einzige ist wirklich, dieser Mann hier. Ferdinand zieht einige Lagen
Foliobögen aus der Tasche, entfaltet sie und sagt:
»Bitte setz dich, Christine, und höre jetzt gut zu. Das ist der Plan der
ganzen Sache, ich habe ihn genau ausgearbeitet, dreimal, viermal, fünfmal
geschrieben, ich glaube, jetzt ist er völlig klar. Ich bitte dich, ihn genauest
durchzulesen, Punkt für Punkt, wo dir etwas nicht richtig scheint, schreibe
immer rechts mit Bleistift deine Fragen oder Bedenken hin, und dann
sprechen wir sie alle zusammen durch. Es geht um viel, es darf nichts
improvisiert sein. Aber zuerst noch etwas anderes, was in diesem Entwurf
nicht geschrieben steht. Das können wir nur zusammen besprechen. Das geht
nur uns an. Also – wir tun diese Sache zusammen, du und ich. Wir werden
damit gleich schuldig, obwohl nach dem Gesetz, wie ich fürchte, du als die
eigentliche Täterin giltst. Du bist als Beamtin verantwortlich, nach dir wird
gefahndet, du wirst verfolgt, du giltst als die Verbrecherin vor deiner Familie,
vor den Menschen, während, solange man uns nicht beide faßt, niemand von
mir als Mittäter und Anstifter weiß. Dein Einsatz ist also größer als der meine.
Du hast eine Stellung, die dir Lebensunterhalt und Pension bis an dein Ende
sichert, ich habe nichts. Ich riskiere also viel weniger im Sinne des Gesetzes
und vor – wie soll ich es ausdrücken, sagen wir vor Gott. Unsere Partie ist
also ungleich. Du trägst die höhere Gefahr, meine Pflicht ist, dir das zu sagen
und dich zu warnen.« Er merkt, wie sie den Blick senkt.
»Das mußte ich dir ganz hart sagen, und ich werde auch weiterhin dir keine
Gefahr verschweigen. Vor allem: was du tust, was wir tun, es ist
unwiderruflich. Es gibt da kein Zurück mehr. Selbst wenn wir mit diesem
Geld uns Millionen erarbeiten und den Schaden fünfmal ersetzen, kannst du
niemals mehr hierher zurück und niemand dich pardonieren. Wir sind damit
endgiltig ausgestoßen aus der Reihe der gesicherten Menschen, der braven
verläßlichen Staatsbürger, wir sind ein Leben lang in Gefahr. Das mußt du
wissen. Und wenn wir uns noch so sehr sichern, immer kann ein Zufall, ein
wirklich unerrechenbarer und unberechenbarer Zufall uns aus der herrlichen
Sorglosigkeit herausholen und ins Gefängnis werfen und in das, was die
Leute Schande nennen. Sicherung gibt es bei einem solchen Wagnis keine,
wir sind nicht sicher, wenn wir drüben sind, über der Grenze, heute nicht und
morgen nicht und nie. Das mußt du sehen, so wie man bei einem Duell auf die
Pistole seines Gegners sieht. Der Schuß kann vorbeigehen, er kann treffen,
aber man steht vor der Pistole.«
Er macht wieder eine Pause und bemüht sich, ihren Blick zu sehen. Er sieht
zur Erde, und man merkt, die Hand, die auf dem Tisch liegt, zittert nicht.
»Nochmals also, ich will dir gar keine falschen Hoffnungen machen. Ich
kann dir gar keine Sicherung geben, gar keine, auch nicht für mich. Wenn wir
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik