Page - 194 - in Rausch der Verwandlung
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dieses Wagnis gemeinsam unternehmen, soll das nicht sagen, daß wir
lebenslänglich aneinander gebunden sind. Wir tun diese Sache, um frei zu
werden, frei zu leben – vielleicht wollen wir auch eines Tages frei
voneinander sein. Vielleicht schon gar bald. Ich kann nicht einstehen für
mich, ich weiß nicht, wie ich bin, ich weiß noch weniger, wie ich sein werde,
wenn ich einmal Freiheit geatmet habe. Vielleicht ist die Unruhe, die heute in
mir steckt, nur davon, daß etwas in mir steckt, das heraus will, vielleicht
bleibt sie aber auch, vielleicht wächst sie sogar. Wir kennen uns noch nicht
sehr, wir sind nur immer ein paar Stunden beisammen gewesen, es wäre
Wahnwitz zu sagen, wir können und wollen ewig miteinander leben. Was ich
dir versprechen kann, ist einzig, daß ich ein guter Kamerad sein werde in dem
Sinn, daß ich dich nie verrate und nie versuchen werde, dich zu etwas zu
zwingen, was du nicht selber willst. Wenn du wirst von mir gehen wollen,
werde ich dich nicht halten. Aber ich kann dir nicht versprechen, bei dir zu
bleiben. Ich kann gar nichts versprechen. Weder daß die Sache gelingt, noch
daß du nachher glücklich oder sorglos sein wirst, nicht einmal, daß wir
zusammenbleiben – nichts kann ich dir versprechen. Ich rede dir also nicht
zu, im Gegenteil, ich warne dich: denn deine Situation ist ungünstiger, du
giltst als die Täterin, überdies bist du eine Frau und dadurch abhängiger. Du
wagst viel, furchtbar viel, ich möchte dich nicht verleiten. Ich rede dir nicht
zu. Bitte, lies den Plan, überlege dir’s dann und entscheide dich, aber wie
gesagt: du mußt wissen, daß diese Entscheidung dann eine unwiderrufliche
ist.«
Er legt ihr das Blatt hin. »Bitte, lies es mit dem äußersten Mißtrauen, mit
der äußersten Wachsamkeit, so als ob dir jemand ein schlechtes Geschäft
anbieten würde und einen gefährlichen Kontrakt vorlegte. Ich selbst gehe
inzwischen draußen auf und ab und schaue mir noch einmal den Bau an. Ich
will nicht dabei sein. Du sollst nicht das Gefühl haben, ich bedrücke dich
durch meine Gegenwart.«
Er steht auf und geht hinaus, ohne sie anzusehen. Vor Christine liegen,
sauber geschrieben, die ineinandergefalteten Folioblätter. Ein paar Minuten
muß sie warten, so heftig schlägt ihr das Herz, dann beginnt sie zu lesen.
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik