Page - 202 - in Rausch der Verwandlung
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Verhalten im Falle eines Mißgeschicks oder Entdeckung
Bei einem so ins Ungewisse hineingebauten Unternehmen muß von allem
Anfang an mit Mißlingen gerechnet werden. In welchem Zeitpunkt und von
welcher Seite her sich gefährliche Situationen einstellen können, läßt sich im
voraus nicht berechnen, und es wird immer von Fall zu Fall in gemeinsamer
Überlegung dem begegnet werden müssen. Als gewisse Grundprinzipien
wären nur festzuhalten:
a) Wenn wir durch irgendeinen Zufall oder Irrtum auf der Reise oder bei
unseren wechselnden Aufenthalten voneinander getrennt werden, reisen wir
jeder sofort in jenen Ort zurück, wo wir zuletzt gemeinsam übernachtet
haben, und warten entweder dort auf dem Bahnhof aufeinander oder
schreiben uns an die Hauptpost der betreffenden Stadt.
b) Sollte man uns durch irgendein Mißgeschick auf die Spur kommen und
eine Festnahme erfolgen, so müssen wir im voraus alle Maßnahmen getroffen
haben, um die letzten Konsequenzen zu ziehen. Ich lasse meinen Revolver
nicht aus der Tasche und werde ihn immer beim Bette neben mir liegen
haben. Für dich bereite ich auf alle Fälle Gift vor, Cyankali, das du
unauffällig in einer Puderdose ständig bei dir tragen kannst. Mit diesem
Gefühl, jederzeit vorbereitet zu sein, unseren vorher gefaßten Entschluß
durchzuführen, haben wir jeden Augenblick erhöhte Lebenssicherheit. Ich für
meinen Teil bin jedenfalls völlig entschlossen, nicht noch einmal hinter
Stacheldraht oder vergitterte Fenster zu gehen.
Sollte dagegen einer von uns beiden in der Abwesenheit des andern
festgenommen werden, so übernimmt der andere die kameradschaftliche
Pflicht, sofort zu flüchten. Es wäre der gröbste Fehler, aus falscher
Sentimentalität sich selbst zu stellen, um das Schicksal des Kameraden zu
teilen, denn der einzelne ist immer weniger belastet und kann sich bei einer
bloßen Untersuchung leichter herausreden. Außerdem hat der andere, der in
Freiheit ist, die Möglichkeit, zu helfen, die Spuren zu verwischen, ihm
Nachricht zukommen zu lassen und allenfalls bei der Flucht behilflich zu
sein. Es wäre Wahnwitz, freiwillig die Freiheit aufzugeben, um derentwillen
man alles unternommen hat. Zum Selbstmord bleibt immer Zeit genug.
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Rausch der Verwandlung
- Title
- Rausch der Verwandlung
- Author
- Stefan Zweig
- Date
- 1982
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 204
- Categories
- Weiteres Belletristik