Page - 137 - in Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
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sei „die erste moderne und volkstümlich geschriebene“ Lebensschilderung.184
EineGleichsetzungvonmodernmitunmoralischvollzoghingegen 1902die Lin-
zerTages-Post.„Schaukal istebeneinganzModerner“, sodieabschätzigeBewer-
tung seiner dramatischen Skizzen, die durchaus gegen den Strich der um 1900
gängigen sexualmoralischenKonventionen gebürstet waren. „Aber er ist in der
WahlseinerStoffe sogesuchtmodern, sogeflissentlichbemĂĽht, rechtAbsonder-
licheszubringen,daĂźerunsMenschenvorfĂĽhrtundSzenenbietet,diegeradezu
widerlich sind.“185 Hauser rühmte hingegen 1907 in der Neuen Freien Presse
SchaukalsWerkeLiteraturundGiorgionealsAusweg„ausdemWirrwarder soit-
disant-Moderne“ in Richtung „Kunst, der ewigenModerne.“186 Auch dasNeue
Wiener Journal sah imHerbst 1913 gerade in dessen Rückwärtsgewandtheit die
Vorzeichen einer im Grunde genommenmodernen Literatur: „Schaukal ist ein
Abseitsstehender im literarischen LebenWiens. [...] Mit der Melancholie eines
Verspäteten sinnt er vergangenemLeben nach und schuf sich aus historischen
SentimentseineRomantik,die inihrerKühle, ihrer IronieundspöttischenUeber-
legenheitalsmodernesProduktanmutet.“187
ImLaufedeserstenJahrzehntsdes20. JahrhundertsnahmSchaukalsSicht-
barkeit im literarischen Feld deutlich zu,wie die an seine Person geknĂĽpften,
widersprüchlichen Modernediskurse in österreichischen Zeitschriften zeigen.
Mehr noch als sein schriftstellerisches Schaffen provozierte seine Persona ge-
teilte Meinungen. Dem 1907 im deutschen Sprachraum entfachten Balthesser-
Hype entzog sich ein Redakteur des Neuen Wiener Tagblatts, dem vor allem
Schaukals forcierteAbkehr von literarischenGruppierungenundModenwenig
glaubwürdig erschien. Schaukal geriere sich als „Outsider [und] Eigenbrötler
unterdenModernen.Erhat sovielesmit ihnengemein,betet zudenselbenGöt-
tern wie sie, und geht doch seine eigenenWege. Er ist völlig ein Kind seiner
Zeit, ihrermateriellenwie literarischenKultur, erklärt sichaberdurchausnicht
einverstanden mit ihr.“188 Der Aufsatz thematisiert außerdem den Habitus
Schaukals, der „sehr skeptisch vomWerte des literarischen Ruhmes“ denke
184 Rudolf Zauzal: E.T.A. Hoffmann – SeinWerk. In: Badener Zeitung, Nr. 21/1923 (25. Mai
1923),S.5–6,hierS.6.
185 Adolf Schwayer: Neue Bücher. In: Tages-Post, Nr. 108/1902 (11. Mai 1902), S. 9–10, hier
S. 10.
186 Hauser:RichardSchaukal.„Literatur“und„Giorgione“.
187 Hermann Menkes: Moderne Erzähler. In: Neues Wiener Journal, Nr. 7187 (26. Oktober
1913),S. 13–14,hierS. 14.
188 M.N–r.: EinEigenbrötler derModernen. In:NeuesWiener Tagblatt,Nr. 47/1908 (17. Feb-
ruar1908),S. 16. 3 SchaukalalsObjektderKritik 137
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik