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Anton Faistauer (1887–1930), Oskar Kokoschka (1886–1980) und Anton Kolig
zeigte.256 Der um 1908 an die Ă–ffentlichkeit getreteneHagenbund entwickelte
sich in den folgenden Jahren zu einer Künstlervereinigungmoderner Ausprä-
gung, die Schaukalmit Interesse verfolgte. Nach demBesuch der Ausstellung
von 1911 wandte er sich anMinisterialrat Georg von Förstermit der Bitte, das
GemäldeDer nackte Knabe vonAnton Kolig, dem späteren Begründer des ex-
pressionistischenNötscherKreises, zu erwerben, obalsPrivatier oder imstaat-
lichenAuftrag,konntenichtermitteltwerden.MitKoligentspannsicheinreger
Briefwechsel,ausdemhervorgeht,dassderBeamteauchdessenBefreiungvom
Militärdienst erwirkteundKolig alsKriegsmaler indieKunstgruppedesK.u.k.-
Kriegspressequartiersberufenwurde.
Kolig portraitierte Schaukal und seine Familie; Schaukals erstgeborener
SohnWolfgang (1900–1981), der in den 1920er Jahren als Kolig-Schüler imNöt-
scherKreis verkehrte,wurde selbstMaler. RichardSchaukalsAffinität fürKoligs
religiös expressionistische Kunst verwundert insofern, als der Hagenbund vor
allemab 1912 durch explizite Körperdarstellungendie staatlichenSittenwächter
auf denPlan rief. DerKĂĽnstlerkreismusste die vonder Stadt zurVerfĂĽgungge-
stellte Zedlitzhalle räumen. „Das markierte einen Wendepunkt im Ringen um
kulturelleHegemonie“, zumal die katholisch-konservative Christlichsoziale Par-
tei dieHalle für eigeneAnsprüche zunutzenbegann, soEdwardTimms: „Diese
Episode signalisierte einenSiegdes altenĂ–sterreichsĂĽber dieheimatlos gewor-
deneWienerModerne.OhneRaumkeineResonanz!“257
Schaukals Interesse für bildende Kunst und Architektur – und seine zu-
nächst auch recht progressivenMeinungenhierzu–waren recht avanciert. Zu
seinenpropagiertenAnliegenzählteetwa,eine fortschrittlicheStadtraumästhe-
tikmit demAnspruch auf Bewahrungdes alten Stadtbildes zu versöhnen. Auf
dieseWeise erregte Schaukal auch auĂźerhalb Ă–sterreichs die Aufmerksamkeit
von Architekturvereinigungen. Ein Jahr nach der GrĂĽndung des Deutschen
Werkbundes nahmWolf Dohrn (1878–1914) imNamender am6.Oktober 1907
in München ins Leben gerufenen und in Darmstadt ansässigen Vereinigung
Kontakt zuSchaukal auf, um ihnüberdie „ErfolgedermodernenBewegung in
Deutschland“zuunterrichtenundalsMitgliedzugewinnen.258
ZudenWerkbund-MitgliedernzähltennebendenKünstlernHeinrichVogeler
undJosefHoffmann(1870–1956)auchanerkannteArchitektenwieWalterGropius
(1883–1969)undOttoWagner, außerdemPolitikerwieWaltherRathenau,Gustav
256 Vgl.Timms:DynamikderKreise,S. 108–109.
257 Timms:DynamikderKreise,S. 110.
258 BriefDohrnsanSchaukal,o. J., S-NL,WB.
158 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik