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nal 1922, dasmildeüber eine skurrile Figur von „vorgestern“berichtete.286Blieb
derDichter inWiennocheine altbekannteGestalt, die inder Presse nichtmehr
nurmit Kritik oder Lob bedacht, sondern der nostalgisch gedachtwurde, hing
ihminDeutschlandzuBeginnder 1930er JahrebereitsderRuf„einesexotischen
Vogels vonUebersee“an,wieder inHamburg lebendeSchaukal-FanCarlosDa-
rapsky sich ausdrĂĽckte.287 Der Rechtsanwalt und Schriftsteller Darapsky, mit
dem sich ein reger Briefaustausch entwickelte, projizierte auf Schaukal seine
Sehnsucht nach aristokratischer Dichtergröße. Am 22. Juli 1931 schrieb er dem
verehrtenDichter: „Ich selbst habe eine Reihe Ihrer Bücher hier vor Jahrenmit
Bitterkeit imRamschverkaufbeiKarstadtgesehen.“288
Nicht viel besser erging es Schaukal bei seinenVersuchen, inDeutschland
mit Dichterlesungen fĂĽr das eigeneWerk zuwerben. Kurz nach demnicht ge-
rade glänzend verlaufenen Vortragsabend in der Secession reiste Schaukal
nach Leipzig, umam 20. Februar 1922 eine ebensowenig erfolgreiche Lesung
vor demSchiller-Verein zuhalten. Essigmann tröstete denFreundmit den alt-
bekanntenArgumenten: Es liege am „Lärm“der Zeit, dassmanchdichterische
StimmevonWertnichtgehörtwerde,wohingegenanderewieKarlKrausErfolg
durchLautstärkeundstimmlichePräsenzerzielten.289
Neben der Verlagsstadt Leipzig war auch Dresden einer der präferierten
Orte fĂĽr Leseauftritte. Doch Schaukals Prestige und Kontakte reichten nicht
aus, umdorthinvermittelt zuwerden. ChristianGaehde (1875–?), Leiter der Li-
terarischen Gesellschaft in Dresden, lehnte Schaukals Offerte einer Dichterle-
sungabundbotdemAnfragendenausWienan,erkönnebeieinemAusfall als
kurzfristigerErsatzeinspringen,waswiederumSchaukalablehnte.290
Der eigentliche Ort fĂĽr Schaukals literarisch-politische Neupositionierun-
gennachdemKriegwar alsoWien. Ein Teil seiner Selbsteinschreibung inden
dichterischen Kanon dieser Zeit erfolgte über Vorträge, die jedoch nicht viel
mehr waren als nostalgische Gesten und ästhetizistische Reminiszenzen. Der
zweite Teil der öffentlichen Inszenierungen war von katholisch-zeitkritischer
Ideologiegeprägtunddabeinichtminder rückwärtsgewandt.
Am24. September 1925 erhielt Schaukal vonAdolf Innerkofler (1872–1942)
die Einladung, auf demSchriftstellertag desVerbands katholischer Schriftstel-
ler und Schriftstellerinnen Ă–sterreichs, der auf den 11. Mai des Folgejahres
angesetztwar, denFestvortrag zuhalten. DasGros der geplantenVorträge am
286 [Anon.]:VortragsabendRichardSchaukal.
287 BriefDarapskysanSchaukal, 23. Juni 1931,S-NL,WB.
288 BriefDarapskysanSchaukal, 23. Juni 1931,S-NL,WB.
289 BriefeEssigmannsanSchaukal, 21.Februar1922und23.Februar 1922,S-NL,WB.
290 Vgl.denBriefGaehdesanSchaukal,8.August 1921,S-NL,WB.
5 Vereine,VerbändeundOrganisationen 165
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik