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der außerordentlichen Qualität des Künstlers überzeugt waren, erzeugte einen
„Wirkungskomplex“, der die Tradierung eines literarischen Akteurs zum Ziel
hatte. „Damit diese Rezeptionskette zu einer im literaturgeschichtlichen Sinne
epochalenKanonisierung führt,bedarf esvielerVermittlerinstanzen,dieeineEr-
wählungdesDichters und seinesWerkes anstoßenundausführen“, so Charlier.
Schaukal ist indiesemSinneeinGlieddieservielen„Vermittlerinstanzen“, die in
einen nicht vollständig überschaubaren Prozess eingebunden sind. Schließlich
bleibt jedoch offen, „inwelchemMaße sich in diesemProzess historisch kontin-
gente und –mentalitäts- oder ideologiegeschichtlich betrachtet – inkontingente
Einflüsse überlagernund vermengen“und es bleibt „unauflösbar, inwieweit die
Fülle und der farbige Facettenreichtum dieser Wirkungen eine Ursache oder
Folge der Klassikerwerdungdarstellen.“327 Daraus leitet sich eine zentrale Frage
der Kanontheorie ab: Lassen sich „hergestellte“, also konstruierte Kanons, von
jenen unterscheiden, die sich aus einer Vielzahl parallel und unkoordiniert ab-
laufenderProzesse „herausgebildet“haben?328 Es geht alsoumdasgegenseitige
Abwägendessen,was schließlich zumKanonundauchzur–vomKanonableit-
baren–Biographiewürdigkeit führt: der äußere Einfluss (Konstruktion) oder die
persönlicheLeistung(Genie)?
7 PositionenundNetzwerkederNeuromantik
DasKonzeptderpoetischenWiederaufnahme,das für vieleDichterder Jahrhun-
dertwende sobezeichnend ist, drückt sich bei Schaukal unter anderem inForm
von inhaltlichen und ästhetischen Rekursen auf die historische Romantik aus.
MitNeuromantik ist Schaukals literarischeAdaptionvonantinaturalistischen, ir-
rationalenThemenundMotiven, aberaucheinehistorisierendeundeklektizisti-
sche Formsprache, die vor allem seine Lyrik prägte, gemeint.329 Die Begriffe
Ästhetizismus, Symbolismus, Jugendstil oder Dekadenz, die ebenso auf den
Antinaturalismus in der Literatur angewendet werden können, erweiterte er
durch die bewussteWiederaufnahme von Friedrich Schlegels literaturkritischer
327 Charlier:Klassikermacher,S. 53–54.
328 Alfred K. Treml: Klassiker: ‚Herstellung‘ oder ‚Herausbildung‘? Über die Evolution ein-
flussreicherSemantik. In:Kanonbildung,S. 143–160,hierS. 143.
329 Vgl. Peter Sprengel: Neuromantik. In:ModerneLiteratur inGrundbegriffen.Hg. vonDie-
ter Borchmeyer undViktor Žmegač. Tübingen 1994, S. 335–339.Neuromantik ist ein in politi-
scher Hinsicht komplexer Begriff, eine dahingehende Einordnung würde den Rahmen der
vorliegenden Arbeit übersteigen. Hier soll lediglich Schaukals innerliterarische Hinwendung
zurhistorischenRomantik thematisiertwerden.
176 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik